Der Vatikan des Value Investing – Chris Browne

Mitte des 20. Jahrhunderts war der Broker Tweedy, Browne in New York so etwas wie ein Startup Hub für Value Investoren. Ben Graham war der mit Abstand größte Kunde und hatte sein Büro nebenan, Walter Schloss hatte seinen Schreibtisch im Haus platziert und Warren Buffett ließ sich dort einen Arbeitsplatz einrichten. Die Crème de la Crème der Szene gab sich bei Tweedy, Browne die Klinke in die Hand. Lesen Sie hier die Geschichte dieses sehr speziellen Hauses und wie Chris Browne aus dem Broker eine Vermögensverwaltung machte.

christopher-h-browne-007Christopher Howard Browne, genannt Chris Browne, wurde 1946 in der Kleinstadt Summit in New Jersey geboren. Sein Vater war Miteigentümer und Gründer des bekannten Brokerhauses Tweedy, Browne Company LLC. Über Chris Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. 1967 schrieb er sich an der University of Pennsylvania für den Studiengang Geschichte ein. Seinen Bachelorabschluss erhielt er 1969.

Tweedy, Browne Company

Ich möchte hier einen inhaltlichen Nebenstrang integrieren und die Geschichte von Tweedy, Browne Company LLC beleuchten. Dieses Brokerhaus wurde 1920 von Forrest Berwind Tweedy, genannt Bill Tweedy, gegründet. Tweedy suchte nach einer Nische im New Yorker Finanzjungle und fokussierte sich auf wenig gehandelte Aktien. Für seine Kunden stellte er täglich An- und Verkaufspreise dieser Aktien zur Verfügung. Mit seiner Tätigkeit schuf er einen Markt für diese Papiere und ermöglichte unter Einsatz seines Eigenkapitals Handel dieser marktengen Gattungen (ähnlich wie heutige Market Maker). Bill Tweedy war ein merkwürdiger Charakter. Niemand weiß, wo er herkam. Er trug stets Hosenträger, hatte einen buschigen Schnauzbart und aß jeden Tag zur selben Zeit, am selben Tisch und sogar auf demselben Stuhl Mittag im Schraffts Restaurant in der Broad Street, Downtown New York. Er war nie verheiratet und hatte auch keine Kinder.
Tweedy betrieb sein Brokergeschäft mit mäßigem Erfolg in den 1920er Jahren. Anfang der 1930 Jahre trat jedoch ein neuer Kunde auf den Plan, der für eine deutliche Umsatzsteigerung sorgte. Es war niemand geringeres als Benjamin Graham. Graham erkannte, dass jene Gattungen, für die Tweedy einen Markt schuf, häufig weit unterhalb ihres intrinsischen Wertes notierten. So wurde Tweedy zum Hausbroker von Ben Graham.
1945 kauften sich Howard Browne und Joe Reilly bei Tweedy ein und fortan firmierte das Unternehmen unter dem Namen Tweedy, Browne and Reilly. Um die Geschäfte mit dem Hauptkunden Ben Graham und seiner Vermögensverwaltung Graham-Newman Partnership noch schneller abwickeln zu können, zog man in ein Büro direkt neben Grahams, 52 Wall Street. (Nur zur Einordnung: im Dezember 1950 machte die Firma einen Gewinn von $ 4.887,31; ein sehr guter Monat).
1955 verließ Walter Schloss die Graham-Newman Partnership und gründete seine eigene Vermögensverwaltung. Schloss war ein absoluter Sparfuchs und fragte nach einem günstigen Arbeitsplatz bei Tweedy, Browne and Reilly. Da er keinesfalls die Kosten für ein eigenes Büro tragen wollte, stellte man ihm einen Tisch zwischen Eingangstür und Wasserspender zur Verfügung. Immer, wenn jemand Wasser haben wollte, musste Schloss mit seinem Stuhl an seinen Tisch heranrücken und den Bauch einziehen (später gewährte er sich den Luxus eines eigenen Büros zur Untermiete bei Tweedy, Browne). Dieser Walter Schloss stellte einen weiteren ehemaligen Mitarbeiter Grahams vor: Warren Buffett. Da die Graham-Newman Partnership 1956 aufgelöst wurde, wickelte Buffett fortan seine eigenen Geschäfte über Tweedy, Browne and Reilly ab. Buffett hatte sogar einen Arbeitsplatz im Haus, wenn er geschäftlich in New York war. Der Broker kaufte auch alle Anteile für Buffett an einer Textilfabrik in New Bedford namens Berkshire Hathaway.
Mitte der 1950er Jahre wandelte sich Tweedy, Browne and Reilly langsam von einem Broker zu einem Vermögensverwalter mit Value-Ansatz á la Graham. 1968 setzte sich dann Joe Reilly zur Ruhe und der Firmenname wurde auf Tweedy, Browne Company LLC gekürzt.

Generationswechel

Chris Browne kam 1969 eigentlich nur in die Firma seines Vaters, um sich $5,00 für ein Zugticket nach Hause zu leihen. Er wurde von einem Kollegen seines Vaters namens Edward Anderson in ein Gespräch über Value Investing verwickelt und bekam am Ende einen Praktikumsplatz angeboten. Chris Browne sollte die Firma für die nächsten 4 Dekaden nicht mehr verlassen. Er arbeitete sich bis 1974 zum Juniorpartner hoch und machte eigentlich nichts anderes, als in der Manier von Graham und seinen Jüngern die Manuals von Standard & Poor’s und Moody’s durchzublättern und nach Unternehmen zu suchen, die unter Buchwert notierten.
Unter seiner Ägide wurde die Vermögensverwaltung weiterentwickelt. 1993 setzte er 4 Fonds auf, von denen 3 seine Benchmarkindezes schlagen. Der Global Value Fund erzielte als Bester Fonds von Tweedy Browne seit Auferlegung eine durchschnittliche jährliche Rendite 8,8%, während der S&P500 nur mit 8,28% aufwarten kann. Das Unternehmen managt heute $14,9 Mrd. Kundengelder. Auch die Angestellten von Tweedy, Browne haben große Teile ihrer Privatvermögen in die Fonds investiert. Browne bezeichnete seine Firma einmal als Vatikanstadt des Value Investing.

Investitionsstil

Christopher Browne war ein klassischer Value Investor nach Graham. Sein Auswahlverfahren für Investitionen war stets zweistufig.
1. Eingrenzung des Aktienuniversums anhand folgender Kriterien: Bestimmung des Private Market Values, also des Wertes, den ein informierter Investor bereit wäre zu zahlen, um das Unternehmen von der Börse zu nehmen. Dies kann entweder durch eine Bewertung der Vermögensgegenstände und des Cash Flows vorgenommen werden oder anhand von kürzlich getätigten Firmenübernahmen (der wievielfache Cash Flow wurde für Unternehmen X gezahlt?). Interessante Unternehmen weisen meist ein geringes Kurs-Buchwert-Verhältnis sowie ein geringes KGV auf. Außerdem ist der Börsenkurs meist massiv eingebrochen und Insider tätigen größere Käufe.
2. Abgleich mit dem aktuellen Marktpreis. Notiert ein Unternehmen 40-50% unter dem intrinsischen Wert, kommt es für Kauf infrage. Es folgt eine tiefergehende Analyse, wobei versucht wird herauszufinden, ob die aktuellen Probleme, die für den Kurssturz verantwortlich sind, zeitnah gelöst werden können. Dabei wird versucht, verschiedene Fragen zu beantworten: kann das Unternehmen die Preise anheben? Kann es mehr Produkte verkaufen? Können die Kosten gesenkt werden? Wie sind die Wettbewerber aufgestellt? Ist die Firma solide finanziert?

Browne präferierte lange Haltezeiten und investierte international. Er stellte auch eine steile These auf, indem er behauptete, dass Frauen die besseren Investoren seien. Er begründete diese Aussage damit, dass Frauen länger an Aktien festhielten, während Männer schneller verkauften aufgrund von Überheblichkeit und Ungeduld.

Browne privat

Chris Browne war Hobbyarchitekt und entwarf große Teile seines Anwesens selbst. Er spendete einen erheblichen Anteil seines Vermögens und finanzierte so bspw. das Christopher H. Browne Centre for Immunology and Immune Diseases der Rockefeller University oder das Browne Center for International Politics an der University of Pennsilvania. Sein Privatvermögen wurde auf $260 Mio. geschätzt.
Neben seiner Tätigkeit bei Tweedy, Browne wurde er auch als Autor aktiv und schrieb The Little Book of Value Investing, welches 2006 veröffentlich wurde. Außerdem ist er maßgeblich an der Veröffentlichung des Investment-Handbuchs What has worked in Investing beteiligt, welches kostenlos auf der Website von Tweedy, Browne zur Verfügung steht.
Er lebte viele Jahre mit seinem Partner Andrew Gordon zusammen, beide heirateten aber nie. Nachdem Browne aufgrund von gesundheitlichen Problemen seine Tätigkeiten bei Tweedy, Browne auf ein Mindestmaß herunterfahren musste, verfiel er dem Alkoholismus. Er starb am 13. Dezember 2009 in einer Bar an einem Herzinfarkt.
Da Browne nicht verheiratet war und keine Kinder hatte, wollten viele potenzielle Erben etwas von Brownes Vermögen abbekommen. So klagte sogar der ehemalige Privatkoch und verlangte $4 Mio. Am Ende fiel der Großteil des Vermögens seinem ehemaligen Partner Andrew Gordon zu.

Zitate

- „Value Investoren sind wie Farmer. Sie sähen die Saat und warten, dass die Pflanzen wachsen. Wenn der Mais aufgrund des kalten Wetters etwas spät beginnt zu wachsen, dann pflügen sie nicht das Feld um und sähen etwas anderes. Nein, sie lehnen sich zurück und warten geduldig, bis der Mais zu sprießen beginnt.“
- „Value Investing ist der stressfreie Weg zum Investmenterfolg.“
- „Kaufe, wenn die Insider kaufen.“
- „Ich versuche immer dann zuzuschlagen, wenn Aktien zum Ausverkauf stehen; egal wo dieser gerade stattfindet.“
- „Risiko befindet sich viel häufiger im Preis, den man für eine Aktie bezahlt, als im Unternehmen selbst.“
- „Sex sells, sogar im Aktienmarkt, und jeder will die neueste sexy Emission halten. Value Aktien sind hingegen so aufregend, wie dem Gras beim wachsen zuzuschauen. Aber ist dir jemals aufgefallen, wie viel dein Rasen in einer Woche wächst?“
- „Die meisten Leute trachten nach sofortiger Gratifikation in allem, was sie tun. Wenn die meisten Investoren eine Aktie kaufen, dann erwarten sie, dass die Aktie sofort steigt. Wenn nicht, dann verkaufen sie und kaufen etwas anderes.“
- „Kaufe Aktien genauso wie Güter des täglichen Bedarfs – wenn sie mit Rabatt angeboten werden.“
- „Man muss investieren, aber man muss kein Genie sein, um es clever zu machen.“
- „Du bist, wen du triffst.“
- „Value Investing ist mehr wie eine lange Reise zu einem schönen Ziel anstatt einer Fahrt mit der Achterbahn.“
- „Je geringer der Preis, desto höher die Rendite.“
- „Es ist ein Marathonlauf und kein Sprint.“
- „Wenn die Leute etwas kaufen, dann gucken sie mit einem Auge auf den Wert, den sie für den Preis bekommen. Wenn der Preis fällt, kaufen sie mehr von dem, was sie wollen. Nur nicht am Aktienmarkt.“
- „Die Schönheit des Value Investing liegt in der Einfachheit begründet.“
- „Der intrinsische Wert ist sehr wichtig, denn dadurch kann der Investor Fehlpreisungen am Markt ausnutzen.“
- „Eine Sicherheitsmarge verschafft dir einen Vorteil gegenüber blinden Aktienkäufen oder Indexfonds.“
- „Es gibt nur einen logischen Grund, warum Insider in ihr Portemonnaie greifen und Aktien am Markt kaufen. Sie glauben, dass der Kurs steigen wird.“
- „Insider sind normalerweise Investoren und keine Trader.“
- „Die schlechtesten Aktien von heute werden die besten Aktien von morgen, und die Lieblinge von heute werden die alten Jungfern von morgen.“
- „Günstige Aktien zu finden ist wie eine Schatzsuche.“
- „Wenn du erstmal weißt, welche Hinweise zu einer guten Investitionsmöglichkeit führen, wird die Value-Jagd für dich viel einfacher.“
- „Das Bankwesen ist wohl nach der Prostitution die älteste Industrie der Welt; und niemand hat bisher etwas besseres erfunden. Solange Vermögenswerte wachsen, sollten auch Banken wachsen.“
- „Der Herdeninstinkt dominiert die Industrie der Vermögensverwalter.“
- „Ich glaube nicht, dass viele Leute vorherbestimmen können, welche Technologieaktie die neue Microsoft wird und welche wie eine Bombe hochgeht.“