Richard Dennis und seine Turtle Trader

Zu den größten Börsenstories aller Zeiten gehört zweifelsohne die Geschichte von Richard Dennis, Bill Eckhardt und ihren Turtle Tradern. Aus einer Wette geboren, räumten die 23 Turtles Ende der 1980er Jahre an den Finanzmärkten der Welt kräftig ab und machten sich selbst zu reichen Männern und Frauen. Lesen Sie hier die Geschichte von Richard Dennis, einem gefeierten Rohstofftrader in Chicago, der den Spitznamen „Prince of the Pit“ trägt und das Establishment in den 1970er und 1980er Jahren mit seinen grandiosen Ideen und seinem unkonventionellen Handelsstil aufmischte und letztlich mit den Turtles unwiderruflich Börsengeschichte geschrieben hat.

richard-dennisRichard Dennis wurde am 09. Januar 1949 in Chicago geboren. Er wuchs im South Side Neighborhood auf; einem schlechten und ärmlichen Teil der Ostküstenmetropole. Sein Vater arbeitete als Handwerker und Kohlenschipper für die Stadt Chicago, seine Mutter war Hausfrau. Dementsprechend stammt Dennis aus bescheidenen Verhältnissen.

Seine erste Erfahrung mit Wertpapieren machte er bereits in der Prep School (kommt dem deutschen Gymnasium gleich), als er für USD 30,00 10 Aktien der Firma Phonograph erwarb. Kurz darauf meldete Phonograph Konkurs an und Dennis verlor sein ganzes Geld, nicht aber das Interesse an den Finanzmärkten. 1966 erhielt Dennis mit 17 Jahren seinen ersten Job an der Chicago Mercantile Exchange (CME), allerdings nur als „Runner“ für USD 1,60 pro Stunde. Vom Börsenfieber gepackt, wollte Dennis unbedingt selber an den Märkten handeln. Eine entsprechende Strategie hatte er bereits im Hinterkopf. Allerdings war Dennis zu dieser Zeit erst 18 Jahre alt; um einen Sitz an einer Börse zu erwerben, musste man damals das 21. Lebensjahr abgeschlossen haben. So musste Dennis auf einen Trick zurückgreifen: er kaufte seinem Vater einen Sitz an der MidAmerica Commodity Exchange (MidAm) und beschäftigte sich selbst weiterhin als Runner. Mittels Handzeichen kommunizierte er mit seinem Vater und gab ihm Signale, in welche Märkte er ein- und aussteigen sollte.

Da die Handelsaktivitäten nur von mäßigem finanziellen Erfolg gekrönt wurden, verkaufte Dennis den Sitz wieder und nahm ein Philosophiestudium an der DePaul University auf. Dieses Studium sollte Dennis stark in seiner weiteren Entwicklung beeinflussen. Er fand großen Gefallen an den Ideen der Philosophen Hume und Locke und wurde schnell zum Anhänger der Gedankenschule des Empirismus, die besagt, dass Wissen einzig durch Experimente, Beobachtungen und Erfahrungen erworben wird und keiner natürlichen Talente bedarf. Seinen Abschluss erhielt er 1970.

Rückkehr nach Chicago

Im selben Jahr nahm er ein Stipendium für ein Masterstudium der Philosophie an der Tulane University an, brach allerdings schnell ab und kehrte zurück an die MidAm. Dafür lieh sich Dennis USD 1.600,00, wovon allein USD 1.200,00 für den Sitz an der Rohstoffbörse draufgingen. Sein Startkapital für’s Trading belief sich also auf magere USD 400,00. Vier Jahre später war Richard Dennis bereits Millionär. Er profitierte zu dieser Zeit von sehr günstigen Bedingungen an den Rohstoffmärkten. Jahrelange Missernten sowie der sogenannte „Große Getreidediebstahl“ der Sowjetunion im Jahre 1972 sorgten für permanent steigende Preise an den Getreidemärkten (125 Jahreshoch im Jahr 1972) sowie einen Anstieg der weltweiten Lebensmittelpreise allein im Jahr 1973 um 50%. Bereits an der MidAm zeigte sich Dennis‘ großes didaktisches Talent. Die Börse verkaufte in den 1970er Jahren viele neue Sitze und einige der Käufer hatten vom Traden nicht den Hauch einer Ahnung. Dennis lud diese Newbies dann zu sich ins Apartment ein, kaufte Hähnchen und Kartoffelsalat und erklärte den Neueinsteigern, wie sie Geld verdienen konnten. Dabei waren teilweise mehr als 40 Personen in Dennis‘ Ein-Raum-Wohnung. Am darauffolgenden Tag versuchten die Neulinge dann ihr erworbenes Wissen im Pit umzusetzen und holten sich bei Bedarf die Bestätigung von Lehrmeister. Dennis war zu dieser Zeit wohlgemerkt Mitte 20.

Sein Tradingstil unterschied sich stark vom Trading der alteingesessenen Marktteilnehmer und war mittel- bis langfristig ausgerichtet. Dazu nutzte er Saisonalitäten in den Getreidemärkten, um einen Vorteil für sich zu kapitalisieren. Wenn es für ihn lief, pyramidisierte er seine Positionen, was zu dieser Zeit kaum ein Trader machte. Der größte Unterschied zu allen anderen im Pit war jedoch sein großer Fokus auf die Psychologie. Lange vor der Zeit von Kahneman und Tversky machte Dennis die Psychologie zur Basis seines Tradings. Dieses Vorgehen erlaubte ihm, viele Märkte gleichzeitig zu handeln, ohne auch nur den blassesten Schimmer von den Fundamentaldaten eines Marktes zu haben. Somit konnte er theoretisch gleichzeitig Rohstoffe, Anleihen und Aktien handeln, während viele andere Marktteilnehmer nur eine Wertpapierklasse handelten oder sogar nur eine einzige Gattung.

CME

Um eine größere Anzahl an Märkten zu traden, wechselte Dennis Mitte der 1970er Jahre an die Chicago Mercantile Exchange. Hier avancierte der sehr groß gewachsene und übergewichtige Dennis zum Superstar, der das Establishment gehörig aufmischte. Während die meisten der Trader an der CME jenseits der 50 Jahre wahren, Designeranzüge trugen und große Autos fuhren, erschien der junge Dennis in Jeans und geflickten Jackets zur Arbeit und fuhr mit einem rostigen Ford vor. In Sachen Performance konnte ihm allerdings niemand das Wasser reichen. So wurden auch schnell nationale Medien auf ihn aufmerksam und sein Name war bald in aller Munde.

C&D Commodities

Ende der 1970er Jahre wollte Dennis so viele Märkte wie möglich handeln und bekam durch den Computer das nötige Werkzeug zur Hand, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Dafür gab er seinen Platz im Pit auf und mietete sich im selben Gebäude ein kleines Büro. Zusammen mit seinem ehemaligen MidAm-Kollegen Larry Carroll gründete er die Trading-Firma C&D Commodities. Die Firma wurde schnell zu einer der größten unabhängigen Trading-Firmen der Welt und konkurrierte mit legendären Schwergewichten wie den Solomon Brothers oder der Pillsbury Company. 1980 hatte Dennis in 10 Jahren aus seinen ursprünglichen USD 400,00 mehr als USD 400 Mio. gemacht.

Die Turtles

Seit der College-Zeit kannten sich Richard Dennis und William (Bill) Eckhardt. Die beiden waren sehr enge Freunde, hatten aber oftmals gänzlich andere Ansichten, wie die Welt funktioniert. Dabei beschäftigte die beiden ein Disput ganz besonders: die Frage, ob die Fähigkeiten eines erfolgreichen Traders wie Dennis auf eine Hand voll Regeln reduziert werden können. Dennis‘ Position war als Anhänger des Empirismus klar: er sagte, dass alles erlernbar wäre. Eckhardt wiederum, der Mathematik studiert hatte, sagte, dass Trading-Skills ein naturgegebenes Talent sind und man den Erfolg somit nicht erlernen könnte. Obendrein brauchte Dennis auch Personal für sein Vorhaben, immer mehr Märkte zu handeln. Somit konnte er zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen; Eckhardt eines Besseren belehren und Leute finden, die für ihn nach seinen Regeln handeln würden.

Im Herbst 1983 veröffentlichten die beiden dann für insgesamt USD 15.000,00 Stellenanzeigen in 3 Zeitungen: dem Wall Street Journal, Barron’s und dem International Herold Tribune. Die Übersetzung dieser Anzeige finden Sie nachstehend:

Stellenanzeige

Herr Dennis und Kollegen wollen eine kleine Gruppe von Bewerbern in ihren speziellen Trading-Methoden ausbilden. Erfolgreiche Kandidaten werden dann ausschließlich im Auftrag von Herrn Dennis handeln: Sie dürfen nicht auf eigene Rechnung oder im Auftrag Dritter mit Futures handeln. Die Trader werden an ihren Trading-Gewinnen prozentual beteiligt. Handelserfahrung wird berücksichtigt, ist aber nicht Bedingung. Die Bewerber sollen sich mit einem Lebenslauf und mit einem Satz der Begründung unter folgender Adresse bewerben:

C&D Commodities
z. Hd. Dale Dellutri
141 W. Jackson, Suite 2313
Chicago, IL 60604

Gerade mal gute 1000 Bewerbungen gingen für dieses einmalige Angebot ein. Dennis bestand auf eine möglichst große Diversität bei der Bewerberauswahl. Er wollte Eckhardt beweisen, dass jeder ein erfolgreicher Trader sein könnte. So wurden 10 Bewerber ausgewählt, die alle möglichen Gesellschaftsschichten abdeckten. Es war eine Mischung aus Demokraten und Republikanern, Schulabgängern und MBA-Absolventen, Männer und Frauen (ungewöhnlich zu dieser Zeit). Die Menschen verdienten vorher mit unterschiedlichsten Berufen ihren Lebensunterhalt. So waren in der ersten Generation der Turtles ein Musiker, ein Historiker, ein Pilot, ein Verkäufer, ein Wachmann, ein Barkeeper und sogar ein Arbeitsloser vertreten. Gemeinsam hatten alle Leute nur eine gewisse Neigung, ins Risiko zu gehen. Diese Persönlichkeitsausprägung wurde zuvor mittels eines kleinen Fragenkatalogs herausgefiltert.

Die 10 Freiwilligen wurden dann binnen 14 Tagen von Dennis und Eckhardt ausgebildet und jeweils mit USD 1 Mio. ausgestattet, um an den Märkten nach den Strategien von Dennis und Eckhardt zu traden. Die 3 Generationen der Turtles erwirtschafteten übrigens bis zur Einstellung des Turtle-Experiments 1988 ca. USD 175 Mio. Profit. Damit hatte Dennis den Beweis erbracht, dass jeder erfolgreich traden kann. Der Name „Turtle Trader“ wurde übrigens durch eine Reise nach Singapur inspiriert. Dennis besuchte dort eine Schildkrötenfarm und war sehr beeindruckt. Er soll gesagt haben, dass er „Trader heranzüchten möchte, wie Schildkröten in Singapur“.

Die Zeit danach

Bereits 1987 musste Dennis, der mittlerweile auch Fremdgelder und einen Fond managte, herbe Verluste einstecken. Sein Tradingstil war schlichtweg so konzipiert, dass man auch mal Verluste hinnehmen musste, um irgendwann groß abzuräumen. Allerdings brachte es für ihn eine große psychologische Belastung mit sich, mit dem Geld anderer Personen an den Märkten zu agieren. Allein am Black Monday 1987 verlor er USD 10 Mio., in den Jahren 1987 und 1988 waren es insgesamt USD 50 Mio., woraufhin er sich von der großen Bühne zurückzog und vornehmlich sein eigenes Vermögen verwaltete. In den 1990er Jahren managte er erneut Fonds, musste aber im Sommer 2000 beim Platzen der Dotcom-Blase erneut schwere Verluste für seine Klienten einstecken und managte seither nur noch seine eigenen Vermögenswerte, die sich immerhin laut Schätzungen auf mehr als USD 200 Mio. belaufen. Nebenher engagiert sich Dennis politisch und schreibt für diverse Zeitungen Kolumnen. Seit jeher spendet Dennis 10% seiner jährlichen Profite für diverse Zwecke.

Zitate

- „Ich behaupte, dass man ein fertiges Regelwerk in der Zeitung publizieren könnte und niemand würde es befolgen. Die Schlüssel zum Erfolg sind Konstanz und Disziplin.“
- „Wenn die Dinge einmal laufen, dann darf man nicht drücken und drängeln.“
- „Ich habe gelernt, dass man vermeiden muss, Verluste auf Biegen und Brechen ausgleichen zu wollen.“
- „Eine bestimmte Verlustgröße beeinträchtigt dein Urteilsvermögen. Daher muss man etwas Zeit zwischen diesen Verlusten und dem nächsten Trade bringen.“
- „Wenn du eine Position hast, dann bist du diese aus einem bestimmten Grund eingegangen. Und du musst an dem Grund festhalten bis er nicht länger existiert.“
- „Trading hat mich gelehrt, den gesunden Menschenverstand nicht als selbstverständlich anzusehen. Das Geld, welches ich mit dem Traden verdient habe, gilt als Beweis dafür, dass die Mehrheit die meiste Zeit falsch liegt.“
- „Man muss seine Verluste minimieren und versuchen, sein Kapital für jene wenigen Momente auszusparen, in denen man sehr viel Geld in kurzer Zeit verdienen kann.“
- „Entscheidungen beim Traden sollten so unemotional wie möglich gefällt werden.“
- „Ein trendender Markt ist der Hauptgrund, welcher uns in einen Trade bringt. Diese Idee ist ziemlich simpel.“
- „Egal welche Methode du zum Einstieg in einen Trade nutzt; das Wichtigste ist, dass es einen übergeordneten Trend gibt, und dein Ansatz sollte sicherstellen, dass du in diesen Trend reinkommst.“
- „Ein gutes Trendfolgesystem lässt dich im Markt bleiben, bis es einen Beweis gibt, dass der Trend gewechselt hat.“
- „Man sollte immer eine Worst-Case-Marke haben. Die einzige Option sollte sein, früher aussteigen zu können.“
- „In diesem Geschäft solltest du das Unerwartete erwarten; erwarte das Extreme. Setzte dir keine Grenzen, was der Markt tun könnte.“
- „Wenn es eines gibt, was ich in 20 Jahren in diesem Geschäft gelernt habe, dann, dass das Unerwartete und das Unmögliche von Zeit zu Zeit geschieht.“
- „Wenn du zu Tode geprügelt wirst, dann sieh zu, dass du aus diesem Mixer rauskommst.“
- „Ich kann traden ohne den Namen des Marktes zu kennen.“
- „Wenn du einen großen Verlust hinnehmen musst, dann geh raus, geh nach Hause, mach ein Nickerchen; bring ein wenig Zeit zwischen dem Verlust und deiner nächsten Entscheidung.“
- „Wir werden Trader hochziehen wie sie es mit Schildkröten in Singapur machen.“
- „Für viele Trader spielt es keine Rolle, ob ihr erster großer Trade erfolgreich ist oder nicht, aber ob ihr erster großer Gewinn auf der Long- oder Short-Seite ist. Die Leute werden dann zu militanten Bullen oder Bären.“
- „Für mich ist Trading wie auf die voneinander unabhängigen Würfe eines Würfels zu wetten, wobei man das Gefühl hat, dass diese leicht zu deinen Gunsten fallen.“

Die Turtle-Strategie kann mit der TraderFox-Software nachvollzogen werden

Folgendes Video zeigt wie das funktioniert:



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