Mögliche Kapitalrotation an den US-Märkte. Sehen wir ein Comeback des US-Gesundheitssektors? Aktien für die Watchliste!

Marius Müllerhoff ist als freier Redakteur beschäftigt. Artikel von freien Redakteuren stellen deren eigene Meinung dar und müssen mit der von aktien nicht korrespondieren.

Der US-ETF für den Gesundheitssektor (XLV) hat auf Sicht von knapp zwei Jahren praktisch keine Performance gezeigt. Seit einigen Tagen scheint er jedoch die Aufmerksamkeit der Anleger zu erwecken. So sahen wir mehrere Akkumulationstage hintereinander. Das könnte eine mögliche Kapitalrotation weg von den stark gestiegenen Tech- und Halbleiteraktien hin zum Gesundheitssektor implizieren.

Gründe dafür gibt es viele. Neben dem demographischen Wandel sind M&A Aktivitäten (Fusionen und Übernahmen) zu nennen. Treiber dieser Entwicklung sind hohe Barreserven der großen Pharmakonzerne, relativ günstige Bewertungen von Biotech-Unternehmen und die Dringlichkeit auslaufender Patente. So wurde vorgestern bekannt gegeben, dass der britische Pharmakonzern GSK mit dem Biotechunternehmen Nuvalent (NUVL) in Übernahmegesprächen stehe. Ende 2025 hat Abbott Laboratories, das medizinische Geräte, Ernährungsprodukte für Erwachsene und Kinder, Diagnosegeräte und Testkits sowie generische Markenarzneimitte produziert und vertreibt, bekannt gegeben, Exact Sciences (Spezialist im Bereich Krebs und Diagnostik) zu kaufen. Die Übernahme wurde im März abgeschlossen.

Des Weiteren sind die relativ günstig gewordene Fundamentaldaten hervorzuheben. Viele Unternehmen aus dem Gesundheitssektor haben aufgrund der Marktstimmung ("KI-Hype" rund um Tech- und Halbleiterwerte) wenig Aufmerksamkeit erhalten und sahen ihre Aktien fallen. So sank das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis (Forward-PE) im Medizintechniksektor im Zeitraum von Anfang 2024 bis heute um etwa 50 % von rund 29x auf etwa 15x, obwohl die Prognosen für den zukünftigen Gewinn je Aktie im gleichen Zeitraum stiegen. Die Multiple-Kontraktion war somit ein stimmungsgetriebenes Ereignis und kein Ausdruck operativer Schwäche. Daher hat JPMorgan den Gesundheitssektor bereits auf "übergewichtet" beziehungsweise zu einem bevorzugten Sektor hochgestuft. Das Analystenhaus verweist dabei auf nachlassende politische Belastungsfaktoren, eine Stabilisierung der Gewinne sowie eine zunehmende Dynamik bei Fusionen und Übernahmen.

Letztlich ist die künstliche Intelligenz zu nennen. Sie hilft dabei, Krankheiten zu diagnostizieren, zu klassifizieren und zu prognostizieren sowie Medikamente zu entdecken. Hierfür interpretiert sie medizinische Bilder, Laborergebnisse, Symptome, Biomarker und Genomdaten der Patienten, verbessert die Diagnosegenauigkeit, ermöglicht die Früherkennung und fördert die personalisierte Medizin. Auch kann die KI die chemischen, biologischen und klinischen Daten durchsuchen, die Struktur-Wirkungs-Beziehungen modellieren und schlagen die Synthesewege vor. Damit wird der Prozess der Medikamentenentwicklung massiv beschleunigt, die Effizienz der Therapien deutlich erhöht und die Kosten substantiell reduziert.

Schauen wir uns einige Unternehmen aus dem Gesundheitssektor auf, die aktuell vielversprechende "Stories" aufzeigen.

Molina Healthcare – Margentief in 2026, besser als erwarteter Gewinn, kurz vor Ausbruch aus der Bodenbildungsphase

Molina Healthcare (MOH) ist einer der großen US-Verwalter staatlich finanzierter Gesundheitsprogramme. Das 1980 in Kalifornien gegründete Unternehmen betreut heute rund fünf Millionen Mitglieder.

Das Geschäftsmodell beruht auf sogenannter "Managed Care", also der gesteuerten Versorgung von Versicherten. Molina erhält feste Prämien je Mitglied und trägt das Risiko der Behandlungskosten. Die wichtigste Einnahmequelle ist "Medicaid". Hierbei handelt es sich um das Programm für einkommensschwache Haushalte in den USA. Ergänzend kommen "Medicare" für Ältere sowie Tarife des staatlichen Krankenversicherungsmarktes hinzu.

Die aktuelle "Story" dreht sich um den Margendruck bzw. das Margentief im Medicaid-Geschäft. So stiegen zuletzt die Behandlungskosten schneller als die staatlichen Erstattungssätze, weshalb das Management von Molina 2026 als Margentief bezeichnet. Da Medicaid-Verträge dem Prinzip der versicherungsmathematischen Angemessenheit unterliegen, müssen die Bundesstaaten die Sätze früher oder später wieder zum Kostentrend aufschließen lassen. Der Hebel ist groß: Jede Verbesserung der medizinischen Schadenquote um 100 Basispunkte ist fast 5 US-Dollar Gewinn je Aktie wert. Bei einer Jahresprognose von mindestens 5 US-Dollar bereinigtem Gewinn je Aktie für 2026 zeigt das die Sprengkraft. Schon eine moderate Normalisierung der Sätze in Richtung Kostentrend kann den Gewinn überproportional anheben. Offen bleibt der Zeitpunkt, wann die staatlichen Erstattungssätze erhöht werden sollen. Das variiert je nach Bundesstaat.

In den am 22. April 2026 veröffentlichten Quartalszahlen meldete Molina einen Umsatz von 10,8 Milliarden US-Dollar, rund drei Prozent unter dem Vorjahr und leicht unter den Erwartungen. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 2,35 US-Dollar und übertraf die Schätzungen deutlich. Die Jahresprognose von etwa 42 Milliarden US-Dollar Prämienumsatz wurde bestätigt. Dies pulverisierte die Märkte. Die Aktie schoss im Hoch um gut 16 % nach oben. Sie schloss den Tag oberhalb des 200 Tagedurchschnitts, nachdem sie knapp ein Jahr unterhalb dieses wichtigen Durchschnittes gelebt hat.

Charttechnisch scheint die Aktie aus einer fast einjährigen Bodenbildungsphase nach oben ausbrechen zu wollen. Idealerweise sehen wir nun eine mehrtägige Konsolidierung knapp unter dem Ausbruchsniveau bei 206 US-Dollar. Dem Ausbruch kann gefolgt werden.

Molina Healthcare Wachstumscheck

Quelle: Wachstums-Check TraderFox

Hinge Health – Innovator der virtuellen Physiotherapie liefert starke Zahlen

Hinge Health (HNGE) wurde 2015 gegründet und hat sich seitdem zur führenden Plattform für digitale Versorgung bei muskuloskelettalen Erkrankungen entwickelt, also Erkrankungen des Bewegungsapparats wie Rücken-, Knie- oder Hüftbeschwerden. Im Mai 2025 feierte das Unternehmen seinen Börsengang an der New Yorker Börse NYSE und war damit der erste digitale Gesundheitsanbieter, der seit 2021 wieder an die Börse gegangen ist.

Muskel- und Gelenkbeschwerden gehören weltweit zu den häufigsten und kostspieligsten Erkrankungen. In den USA allein beliefen sich die damit verbundenen Gesundheitskosten auf rund 661 Milliarden US-Dollar jährlich. Genau in diesen Markt stößt Hinge Health mit einem digitalen Ansatz vor, der traditionelle Physiotherapie neu definiert.

Das Geschäftsmodell richtet sich in erster Linie an selbstversicherte Arbeitgeber und Krankenversicherungen. Diese zahlen Hinge Health eine Gebühr, damit ihre Mitarbeitenden oder Versicherten Zugang zur Plattform erhalten. Das Kernprodukt ist ein KI-gestütztes digitales Therapieprogramm: Nutzer werden durch Übungseinheiten geführt. Dabei werden sie von tragbaren Bewegungssensoren überwacht und erhalten Echtzeit-Rückmeldungen zu Ausführung und Haltung. Ergänzt wird dies durch den Zugang zu einem virtuellen Team aus lizenzierten Physiotherapeuten und Gesundheitscoaches. Ein weiteres zentrales Produkt ist HingeSelect, ein im Jahr 2025 gestartetes Netzwerk aus Praxen und Bildgebungszentren, das die digitale Betreuung mit persönlicher Behandlung vor Ort verbindet und so eine lückenlosere Versorgung ermöglicht. Fast die Hälfte der Fortune-100-Unternehmen bietet ihren Mitarbeitenden ein digitales Programm für muskuloskelettale Erkrankungen über Hinge Health an.

Hinge Health hat sich einen technologischen Vorsprung erarbeitet: Das Unternehmen war Vorreiter beim Einsatz tragbarer Bewegungssensoren und integriert zunehmend KI-gestützte Kameratechnik zur Bewegungsanalyse, während Wettbewerber entweder nur auf Sensoren oder nur auf Software setzen.

Die letzten Quartalszahlen wurden am 05. Mai nachbörslich vorgelegt. Die Aktie wurde zunächst abverkauft, schloss dann jedoch mit 10,5 % im Plus. Der Umsatz stieg um 47 % auf 182 Millionen US-Dollar und übertraf damit die eigene Prognose von 171 bis 173 Millionen US-Dollar. Der Gewinn je Aktie lag bei 0,45 US-Dollar und übertraf die Analystenerwartung von 0,12 US-Dollar deutlich. Auf der Produktseite gab es ebenfalls eine wichtige Neuigkeit: Hinge Health launchte im Mai sein erstes Programm jenseits von Muskel- und Gelenkbeschwerden. Es handelte sich um das Migräne-Versorgungsprogramm, das auf einem durch die US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Neurostimulationsgerät namens Enso basiert. Bereits über 125 Kundenunternehmen mit insgesamt mehr als zwei Millionen anspruchsberechtigten Versicherten haben das Programm übernommen. Das Management erwartet einen nennenswerten Umsatzbeitrag daraus ab 2027. Außerdem hob das Unternehmen die Jahresprognose deutlich an.

Chattechnisch macht die Aktie einen sehr konstruktiven Eindruck. Letzte Woche brach sie aus der IPO-Base aus und markierte ein neues Allzeithoch. Die Aktie schafft es, sich auf diesem Niveau zu halten trotz des Abverkaufs der Märkte in den letzten Tagen. Das ist sehr bullisch. Auf dem aktuellen Niveau bei 62 bis 63 US-Dollar bietet es sich, an eine Position zu eröffnen.

Hinge Health Wachstumscheck

Quelle: Wachstums-Check TraderFox 

Omada Health – Virtueller Gesundheitsversorger profitiert vom Boom der Abnehmmedikamente

Omada Health (OMDA) ist ein virtueller Anbieter von Versorgungsprogrammen für Menschen mit chronischen Erkrankungen. Das 2011 in San Francisco gegründete Unternehmen ging am 6. Juni 2025 an die Technologiebörse Nasdaq.

Das Geschäftsmodell beruht auf datengestützter Verhaltensbegleitung. Mitglieder erhalten über eine App und persönliche Gesundheitscoaches Unterstützung bei Diabetes, Bluthochdruck, Gewichtsmanagement und Muskel-Skelett-Beschwerden. Im Zentrum stehen drei Bausteine:

  • das Programm zur Vorbeugung und Behandlung von Diabetes,
  • die Begleitung bei der Gewichtsreduktion und
  • die digitale Physiotherapie.

Bezahlt wird Omada überwiegend von Arbeitgebern und Krankenversicherern, nicht von den Nutzern selbst.

Die übergeordnete Story dreht sich um den Boom der neuen Abnehmmedikamente aus der Wirkstoffklasse GLP-1, etwa Zepbound, Ozempic oder Wegovy. Diese Mittel wirken stark, sind aber teuer und werfen für Arbeitgeber und Versicherer die Frage auf, wie sich Kosten steuern und dauerhafte Erfolge sichern lassen. Genau hier positioniert sich Omada als begleitende Versorgungsschicht, die Patienten mit Coaching und Verhaltensbegleitung bei der Einnahme unterstützt. Der Markt sieht das Unternehmen zunehmend als Bindeglied zwischen Medikament und Lebensstil. Untermauert wird diese Rolle durch jüngste Partnerschaften mit dem PBM (Pharmacy Benefit Manager, Arzneimittelverwalter) Optum Rx und dem Pharmakonzern Eli Lilly.

Die zuletzt veröffentlichten Quartalszahlen vom 7. Mai 2026 fielen besser als erwartet aus. Der Umsatz im ersten Quartal 2026 stieg um 42 % gegenüber dem Vorjahresquartal auf 78 Mio. US-Dollar und übertraf damit die Markterwartung von rund 74,8 Mio. US-Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 0,01 US-Dollar und übertraf die Analystenschätzung, die noch einen Verlust erwartet hatte. Die Mitgliederzahl überschritt erstmals die Marke von einer Million. Das Management hob die Umsatzprognose für das Gesamtjahr 2026 an. Trotz dieser erfreulichen Zahlen wurde die Aktie zunächst abverkauft. Sie konnte sich an den Folgetagen jedoch schnell erholen.

Das Chartbild hat sich aufgehellt. Die Aktie befindet sich seit knapp zwei Wochen wieder über dem 200 Tagedurchschnitt. Aktuell konsolidiert sie oberhalb dieses wichtigen Durchschnitts. Das ist konstruktiv. Dem Ausbruch bei 18,72 US-Dollar kann gefolgt werden.

Omada Health Wachstumscheck

Quelle: Wachstums-Check TraderFox


Bildherkunft: AdobeStock_2003566824

Kommentare

Kunden unserer Börsenmagazine können Artikel kommentieren, Rückfragen an die Autoren stellen und mit anderen Börsianern darüber diskutieren!