Vom Rekordjahr zur Ernüchterung? Der US-IPO-Markt nach dem dritten Quartal, Anthropic vor Mega-Börsengang und zwei Aktien mit Potenzial
Das Jahr 2026 dürfte als Jahr der Großemissionen in die Geschichte eingehen. Den Höhepunkt markierte SpaceX. Am 12. Juni debütierte Elon Musks Raumfahrtunternehmen an der Nasdaq. Zum Ausgabepreis von 135 US-Dollar flossen rund 75 Mrd. US-Dollar in die Kasse. Damit übertraf SpaceX den bisherigen Rekord von Saudi Aramco mit 25,6 Mrd. deutlich.
Im Juli folgte der südkoreanische Speicherchiphersteller SK hynix mit einem Emissionsvolumen von 26,5 Mrd. US-Dollar. Im abgelaufenen Quartal kamen insgesamt 31 Unternehmen an die Börse und sammelten 34,9 Milliarden US-Dollar ein.
Der Markt für IPOs in den USA hat Im dritten Quartal jedoch spürbar an Schwung verloren. Als Bremsklötze gelten Zweifel an den Ausgaben für künstliche Intelligenz, die höchste Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen seit 19 Jahren und erneute Zinserhöhungen seitens der US-Notenbank. So wurde mehr als jeder vierte Neuling unterhalb der Preisspanne platziert. Sieben Unternehmen verschoben oder stoppten im abgelaufenen Quartal ihr Vorhaben, zuletzt der Hersteller des smarten Rings Oura.
Der IPO ETF mit dem Tickersymbol IPO fiel im dritten Quartal um ca. 10 Prozent, während der S&P 500 um 3 Prozent zulegte. Seit Jahresbeginn liegt der ETF jedoch mit ca. 13 Prozent weiterhin im Plus. Schaut man sich die Performance einiger größerer und bekannter IPOs der letzten zwölf Monate an, dann haben viele Aktien stark zurückgesetzt. So ist Cerebras System um 50 Prozent vom IPO-Tag im Mai gefallen, bei der Klarna Group, die vor gut einem Jahr an die Börse ging, liegt der Rückgang seitdem sogar bei 75 Prozent und bei Medline sind es minus 30 Prozent vom Allzeithoch Ende Februar.
Ein Lichtblick im IPO-Markt ist die Biotechnologie. Die Neuemissionen aus diesem Sektor erzielten im Schnitt gut 30 Prozent Kursgewinn.
Im Schlussquartal richtet sich der Blick auf Anthropic. Der Claude-Entwickler bereitet einen der spektakulärsten Börsengänge der Geschichte vor. Das Unternehmen steigerte seinen Umsatz von 386 Mio. US-Dollar in 2024 auf rund 4,6 Mrd. US-Dollar in 2025. Das entspricht einer Verzwölffachung! Jedoch erhöhte sich der operative Verlust von knapp 3 Mrd. US-Dollar auf gut 8 Mrd. US-Dollar. Gleichzeit sitzt das Unternehmen auf einem Cashberg von rund 20,3 Mrd. US-Dollar. Besonders auffällig sind langfristige Verpflichtungen für Cloud- und Recheninfrastruktur von bis zu 518 Milliarden Dollar. Zudem stammen knapp 25 Prozent des Umsatzes von nur zwei Kunden. Dem Unternehmen wird aktuell eine Bewertung von über zwei Billionen Dollar zugeschrieben. Das ist mehr als das Doppelte der Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar vom vergangenen Mai. Der Börsengang ist für November angesetzt. Der Wettbewerber OpenAI will dagegen erst 2027 an die Börse.
ADARx Pharmaceuticals – Profiteur des Biotech-Börsenbooms mit AbbVie im Rücken
ADARx Pharmaceuticals (ADRX) gehört zu den auffälligsten Neuzugängen an der Nasdaq in diesem Herbst. Der IPO fand am 25. September statt. Das Unternehmen aus San Diego entwickelt siRNA ("small interfering RNA" bzw. kleine interferierende RNA). Diese Wirkstoffe verhindern, dass krankheitstreibende Eiweiße überhaupt gebildet werden.
Aktuell verfügt das Unternehmen noch über keine zugelassenen Medikamente. Der wichtigste Kandidat ist Onvuzosiran, eine lang wirkende Therapie gegen das hereditäre Angioödem (siehe Abbildung der aktuellen Produktpipeline unten). Dabei handelt es sich um eine seltene Erbkrankheit mit gefährlichen Schwellungsattacken. Der Wirkstoff wird derzeit in einer Studie der Phase 3 geprüft. Erste Ergebnisse werden bis Ende 2027 erwartet. Außerdem gibt es den Kandidaten Agazisiran. Dieser Wirkstoff wird in mehreren Studien der Phase 2 bei Nierenerkrankungen, der Augenkrankheit geografische Atrophie und einer seltenen Bluterkrankung getestet.
Gegenwärtig stammen die Einnahmen lediglich aus Partnerschaften. AbbVie zahlte vorab 335 Millionen US-Dollar und stellte Meilensteinzahlungen von bis zu 7,45 Milliarden US-Dollar in Aussicht.
Der Markt spielt vor allem die "Story" vom Comeback der RNA-Interferenz. ADARx ist das erste Unternehmen dieser Sparte seit mehr als zehn Jahren, das in den USA an die Börse geht. Zudem profitiert es vom bereits erwähnten positiven Börsenumfeld für den Biotechsektor. Hier gab es in diesem Jahr bereits 27 Neuemissionen. Letztlich hat man mit AbbVie einen starken Partner an Bord, der rund 4,9 Prozent aller ausstehenden Aktien besitzt.
Die wichtigsten Wettbewerber sind Alnylam Pharmaceuticals und Arrowhead Pharmaceuticals, die bereits Medikamente dieser Art auf den Markt gebracht haben.
Das Unternehmen ist seit einer Woche an der Börse gelistet. Für ein aussagekräftiges Chartbild ist es daher zu früh. Trotzdem bietet es sich an, die Aktie auf die IPO-Watchliste zu legen. Denn Biotechaktien genießen aktuell die Gunst der Stunde und die Zulassung eines Wirkstoffs des Unternehmens könnte die Märkte elektrisieren.

Quelle: https://www.adarx.com/pipeline/
Hinge Health - Innovator der virtuellen Physiotherapie steht am Allzeithoch
Beschwerden an Muskeln und Gelenken zählen zu den häufigsten und teuersten Posten im amerikanischen Gesundheitssystem. Hinge Health (HNGE) will diese Kosten mit digitaler Therapie senken.
Das 2015 in San Francisco gegründete Unternehmen ging im Mai 2025 an die New Yorker Börse. Zahlende Kunden sind vor allem selbstversicherte Arbeitgeber und Krankenversicherungen. Sie entrichten eine Gebühr, damit Beschäftigte die Plattform nutzen können. Das Kernprodukt ist ein digitales Therapieprogramm bei Rücken, Knie oder Hüftbeschwerden. Tragbare Bewegungssensoren überwachen die Übungen und melden Haltungsfehler sofort zurück. Lizenzierte Physiotherapeuten betreuen die Patienten zusätzlich per Video. Das zweite Standbein heißt HingeSelect. Hier vermittelt das Unternehmen Patienten an geprüfte Praxen zu ausgehandelten Festpreisen und erhält einen Anteil der Abrechnung. Fast die Hälfte der Fortune-100-Unternehmen bietet ihren Mitarbeitenden ein digitales Programm für muskuloskelettale Erkrankungen über Hinge Health an. Das dritte Produkt ist ein Migräneprogramm auf Basis des eigenen Geräts Enso, das die US Arzneimittelbehörde FDA zugelassen hat.
Die "Story", die der Markt spielt, sieht wie folgt aus: Arbeitgeber suchen angesichts stark steigender Gesundheitskosten günstigere Alternativen zur Praxisbehandlung. Zugleich wandelt sich Hinge Health vom Spezialisten zur Plattform für mehrere Krankheitsbilder. Die geplante Übernahme von Cylinder Health für 105 Millionen Dollar in bar erweitert das Angebot um Erkrankungen von Magen und Darm.
Wichtigste Wettbewerber sind Sword Health und Omada Health. Hinge Health hat sich jedoch einen technologischen Vorsprung erarbeitet: Das Unternehmen ist Vorreiter beim Einsatz tragbarer Bewegungssensoren und integriert zunehmend KI-gestützte Kameratechnik zur Bewegungsanalyse, während Wettbewerber entweder nur auf Sensoren oder nur auf Software setzen.
Die letzten Quartalszahlen erschienen am 4. August 2026. Der Umsatz stieg um 53 Prozent auf 213 Millionen Dollar. Analysten hatten etwa 201 Millionen erwartet. Treiber war eine höhere Teilnahme der anspruchsberechtigten Versicherten. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 0,59 Dollar und entsprach damit der Konsensschätzung, nach 0,30 Dollar im Vorjahr. Die Jahresprognose wurde auf 856 bis 860 Millionen Dollar angehoben.
Charttechnisch sieht die Aktie sehr bullisch aus. Sie steht am Allzeithoch und knapp unterhalb der psychologisch wichtigen Marke von 100 US-Dollar (auch "Livermore Century Mark" genannt). Es bietet es sich an, zwischen 96 und 97 US-Dollar eine Position zu eröffnen, oder wenn die Aktie die "Livermore Century Mark" bei 100 US-Dollar herausnimmt.

Bildherkunft: AdobeStock_2112337285
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