Accenture setzt auf „Reinventors“ – ein radikaler Kulturwechsel im Zeichen der KI

Accenture wagt einen weitreichenden Schritt und bezeichnet künftig seine fast 800 000 Mitarbeitenden als "Reinventors". Hinter dem Begriff steckt mehr als ein symbolischer Neuanstrich. Die Unternehmensberatung versucht, seine gesamte Organisation auf eine Zukunft auszurichten, in der künstliche Intelligenz zum Standardwerkzeug wird. Die Financial Times (FT) berichtete, dass diese Umbenennung Teil einer umfassenden Umstrukturierung sei, die seit Juni läuft und verschiedene Geschäftsbereiche zu einer einzigen Einheit unter dem Namen "Reinvention Services" verschmilzt.

Orientierung an großen Markenwelten

Chief Executive Julie Sweet sieht in der neuen Bezeichnung ein kulturelles Leitmotiv, das ähnlich funktionieren soll wie die "Imagineers" bei Disney oder Amazons legendäre "Ninja Coders". Der neue Begriff soll Identität stiften und Accenture als bevorzugten Partner präsentieren, wenn es darum geht, Unternehmen durch den Wandel der KI-Revolution zu begleiten. Der Konzern möchte damit eine Art Zukunftsmythos etablieren, der nach innen motiviert und nach außen Kompetenz signalisiert.

Zwischen Vision und Sprachverwirrung

Der Ansatz polarisiert allerdings. Kritiker werfen Accenture vor, sich in trendigem Jargon zu verlieren und Gefahr zu laufen, unglaubwürdig zu wirken. Der Organisationsforscher André Spicer, der mit der FT sprach, warnte davor, dass solche Begriffe zwar Modernität suggerieren, aber zugleich Verwirrung stiften und schnell zu Symbolen bürokratischer Abgehobenheit werden könnten. Vor allem in einem Unternehmen dieser Größe besteht das Risiko, dass ein künstlich aufgeladenes Selbstbild eher Distanz schafft, statt Stolz zu erzeugen.

Strategischer Umbau in schwieriger Phase

Zeitlich fällt die Rebranding-Welle in eine Marktphase, in der die Beratungskonjunktur schwächelt. Accenture hatte nach der Pandemie eine Marktkapitalisierung von mehr als 260 Mrd. USD erreicht, notiert inzwischen jedoch näher bei 150 Mrd. USD. Das verlangsamte Wachstum zwingt den Konzern, sein Profil zu schärfen und sich im Wettbewerb um KI-Dienstleistungen klar zu positionieren. Das "Reinvention"-Narrativ soll diesen Strategiewechsel untermauern und Investoren wie Kunden signalisieren, dass Accenture die nächste Transformationsrunde aktiv gestalten will.

Testlauf im Inneren des Systems

Trotz des lautstarken Begriffs hält sich Accenture extern bislang bedeckt. Intern allerdings experimentiert das Unternehmen nach FT-Informationen bereits mit einer Human-Resources-Plattform, auf der Mitarbeitende konsequent als "Reinventors" geführt werden. Ob die neue Identität Motivation oder Spott erzeugt, dürfte sich erst zeigen, wenn die Reorganisation in der Breite spürbar wird. Klar ist: Accenture versucht, der KI-Welle nicht nur zu folgen, sondern ihr eine eigene Sprache zu geben.


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