SAP: Der strategische Quantensprung – Walldorf rüstet sich für die Post-Silizium-Ära!
Der Softwarekonzern SAP holt das Thema Quantencomputing von der reinen Forschungsphase in eine strukturierte Vorstufe der wirtschaftlichen Nutzung. Als Reaktion auf die wachsende technische Reife der Hardware hat das Unternehmen eine dedizierte Einheit geschaffen, die nicht mehr nur akademische Theorie betreibt, sondern die konkrete Integration in das SAP-Kernportfolio vorbereiten soll. Die operative Verantwortung liegt seit vergangenem Herbst bei Chief Quantum Officer Carsten Polenz, der ein Team im zweistelligen Mitarbeiterbereich leitet. Diese Neuaufstellung zielt darauf ab, Standards zu definieren und die Lücke zwischen physikalischer Möglichkeit und betriebswirtschaftlicher Anwendung zu schließen.
Die Quanten-Branche überschreitet die Umsatzschwelle von einer Milliarde USD und signalisiert Marktreife
Nach Einschätzung der Unternehmensberatung McKinsey hat der Umsatz der Quanten-Branche im vergangenen Jahr die psychologisch wichtige Marke von 1 Mrd. USD überschritten. Henning Soller, Leiter der Quantum Technology Research Group bei McKinsey, sieht den Markt damit klar auf dem Weg vom Forschungsmodus in eine frühe Kommerzialisierung. Auch IBMs Roadmap stützt diese These: Mit dem System "Starling" soll bereits 2028 ein fehlerkorrigierender Quantencomputer bereitstehen. SAP reagiert auf diese Dynamik. Zwar vermeiden die Walldorfer noch klare Prognosen für den Breiteneinsatz, sie signalisieren aber durch den Teamaufbau die klare Erwartung einer baldigen wirtschaftlichen Relevanz.
SAP identifiziert konkrete Einsparpotenziale bei der LKW-Beladung und Routenplanung
Der Fokus der Walldorfer liegt dabei pragmatisch auf kombinatorischen Optimierungsproblemen, bei denen klassische Rechner an ihre Grenzen stoßen. Technikchef Philipp Herzig identifiziert hier "betriebswirtschaftlich hochrelevante Themen" wie die komplexe Beladung von Lastwagen, die Planung von Fahrtrouten oder die Maschinenbelegung in der Produktion. "Mit Quantencomputern können wir Kosten sparen, die Effizienz erhöhen, Abfall vermeiden und Nachhaltigkeitseffekte erzielen", so Herzig. Das angestrebte Modell ist hybrid: Während die Standard-Geschäftsprozesse weiterhin in der Cloud laufen, werden spezifische Datensätze – etwa für eine Routenoptimierung – an einen externen Quantenprozessor übergeben und das Ergebnis nahtlos zurückgespielt.
Der Konzern investiert in quantensichere Kryptografie als Schutz vor dem Q-Day
Neben der Prozessoptimierung treibt SAP auch das defensive Risikomanagement um. Das Team um Polenz befasst sich intensiv mit der Bedrohung durch den sogenannten "Q-Day" – jenen Zeitpunkt, an dem Quantencomputer heutige Verschlüsselungsverfahren brechen könnten. Um Cloud-Dienste und Unternehmensnetzwerke abzusichern, arbeitet SAP an der Implementierung quantensicherer Kryptografie-Verfahren. Christian Tutschku vom Fraunhofer-Institut IAO bewertet diese Vorbereitung als essenziell für den zukünftigen Wettbewerb: "Wenn die Technologie so weit ist, bleiben nur Firmen konkurrenzfähig, die schon Lösungen vorbereitet haben."
Die Weiterentwicklung des KI-Assistenten Joule und Agentic AI stehen im Zentrum der Produktstrategie
Jenseits der Quanten-Strategie forciert SAP im aktuellen Tagesgeschäft die Weiterentwicklung seiner KI-Architektur. Im Zentrum steht der generative KI-Assistent "Joule", der nun tief in das gesamte Cloud-Portfolio integriert wird. Die neueste Entwicklungsstufe, die sogenannte "Agentic AI", soll im 1. Halbjahr 2026 breite Marktreife erlangen. Diese autonomen KI-Agenten sind in der Lage, komplexere Aufgaben im Finanzwesen und der Supply Chain selbstständig zu planen und auszuführen, statt nur auf Prompts zu reagieren. Zudem stärkt SAP die "Clean Core"-Strategie bei der Migration auf S/4HANA Cloud, um Kunden schnelleren Zugang zu diesen Innovationen zu ermöglichen.
SAP steigert den Konzernumsatz auf knapp 37 Milliarden Euro und profitiert vom Cloud-Wachstum
Die Investitionen in Zukunftstechnologien basieren auf einem soliden finanziellen Fundament. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2025 konnte SAP den Konzernumsatz um 8 % auf rund 36,8 Mrd. Euro steigern. Besonders das Cloud-Geschäft erwies sich erneut als Wachstumsmotor mit einem währungsbereinigten Plus von 25 %. Das Betriebsergebnis kletterte ebenfalls deutlich auf 10,4 Mrd. Euro, was die gesteigerte Profitabilität des Konzerns unterstreicht. Für das laufende Jahr bestätigte der Vorstand den Ausblick und rechnet mit einer weiteren Beschleunigung der Cloud-Erlöse sowie einem zweistelligen Wachstum beim Betriebsergebnis.
Der Konzern sichert durch den Aufbau einer industriellen Infrastruktur seine langfristige Marktposition
Das Engagement im Quantenbereich stellt ein kalkuliertes Risikomanagement dar, um bei einem technologischen Durchbruch sofort skalierfähige Lösungen anbieten zu können. Die Investition in das Team von Chief Quantum Officer Polenz dient primär dem Aufbau einer "Industrialisierung" der Infrastruktur – also stabilen Plattformen und Entwicklungswerkzeugen, die aktuell noch kein Hardware-Hersteller bieten kann. Gelingt der Durchbruch der Quantenrechner, verfügt SAP über den entscheidenden "First-Mover-Advantage" bei der Integration. Scheitert oder verzögert er sich, bleibt der finanzielle Aufwand im Verhältnis zum Gesamtumsatz überschaubar. Für Anleger, die ein Investment in SAP in Erwägung ziehen, dürfte dies ein Signal für ein rationales Langzeit-Risikomanagement sein.
Bildherkunft: AdobeStock_474197731