Nase voll von KI-Aktien? – Das sind die besten US-Aktien als Alternative, laut Goldman Sachs

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Die Wall Street setzt fast nur noch auf KI. Doch die extreme Marktkonzentration birgt Risiken. Goldman Sachs zeigt mit dem "Insensitive Portfolio" starke US-Alternativen, die unabhängig vom Tech-Hype wachsen und günstig bewertet sind.

Die Wall Street erlebt derzeit eine bemerkenswerte Zuspitzung. Während der S&P 500 bis vor kurzem noch von Rekord zu Rekord eilte, wird die Rally von immer weniger Aktien getragen. Genau genommen ist es vor allem ein Thema, das den Markt antreibt: Künstliche Intelligenz. Oder, wie Strategen von Goldman Sachs es formulieren: Der US-Aktienmarkt wirkt inzwischen eher wie "ein einziger großer Trade" als wie ein klassischer Markt aus vielen unterschiedlichen Einzelwerten. 

Tatsächlich sprechen die Zahlen eine klare Sprache. Der S&P 500 legte seit Jahresbeginn um 10 % zu (alle Angaben mit Stand vom 15. Mai.). Doch allein Technologie und Kommunikationsdienste standen für 85 % der gesamten Indexrendite. Ohne diesen Bereich hätte der Markt lediglich 3 % gewonnen. Besonders eindrucksvoll ist der Einfluss einzelner Schwergewichte: Allein NVIDIA Corporation steuerte laut Goldman Sachs rund 20 % der gesamten S&P-500-Performance bei. 

Die größten Performancetreiber im S&P 500 seit Jahresbeginn

Die größten Performancetreiber im S&P 500 seit Jahresbeginn

Quellen: FactSet, Goldman Sachs Global Investment Research

Das erinnert viele Marktteilnehmer an frühere Phasen extremer Marktkonzentration. Allerdings gibt es diesmal einen entscheidenden Unterschied. Während in früheren Spekulationsphasen oft vor allem Fantasie und Liquidität die Kurse nach oben trieben, basiert die aktuelle Bewegung nennenswert auf tatsächlich steigenden Gewinnerwartungen. Die Analystenschätzungen für die Gewinne des S&P 500 in den Jahren 2026 und 2027 wurden seit Jahresbeginn jeweils um 8 % angehoben. 

KI-Infrastrukturaktien und Energie haben den Großteil der Aufwärtskorrekturen der Schätzungen für den Gewinn je Aktie (EPS) des S&P 500 vorangetrieben

KI-Infrastrukturaktien und Energie

Quellen: FactSet, Goldman Sachs Global Investment Research

Doch genau hier beginnt das eigentliche Problem vieler Anleger. Denn wer heute US-Aktien kauft, kauft häufig indirekt eine einzige makroökonomische Wette: Dass der KI-Boom anhält, die Investitionen in Rechenzentren weiter explodieren und die Dynamik im Technologiesektor nicht abreißt.

Die Strategen von Goldman Sachs beobachten deshalb zunehmend eine Art Ermüdung unter professionellen Investoren. Viele Portfoliomanager suchen gezielt nach Aktien, deren Kursentwicklung eben nicht permanent von KI-Euphorie, Momentum-Trading oder Konjunkturwetten abhängig ist. 

Die Suche nach Aktien außerhalb des KI-Hypes

Genau an diesem Punkt setzt die besonders interessante Analyse der US-Bank an. Die Strategen entwickelten ein sogenanntes "Insensitive Portfolio". Dahinter verbirgt sich eine Auswahl von Russell-1000-Aktien, deren Kursentwicklung zuletzt nur eine geringe Abhängigkeit vom KI-Trade und von der allgemeinen Marktmeinung zur US-Konjunktur zeigte. Gleichzeitig mussten die Unternehmen aber steigende Gewinnerwartungen liefern. Konkret wurden nur Aktien berücksichtigt, bei denen Analysten ihre Gewinnschätzungen für 2026 und 2027 zuletzt angehoben haben und zugleich ein Gewinnwachstum von mindestens 5 % erwartet wird. 

Das Goldman Sachs ‚Insensitive Portfolio‘: Für Investoren, die nach Gelegenheiten außerhalb von Momentum-Aktien und KI suchen

Das Goldman Sachs Insensitive Portfolio

Quellen: FactSet, Goldman Sachs Global Investment Research

Damit versucht Goldman Sachs letztlich, genau jene Aktien herauszufiltern, die fundamental überzeugen, ohne vollständig vom aktuellen KI-Hype abhängig zu sein.

Das ist ein bemerkenswerter Ansatz. Denn die vergangenen Monate haben gezeigt, wie eng Momentum und KI inzwischen miteinander verflochten sind. Der Momentum-Faktor von Goldman Sachs stieg in nur drei Monaten um 25 % – eine der stärksten Bewegungen der vergangenen Jahrzehnte. Historisch betrachtet waren derart starke Momentum-Schübe allerdings häufig ein Warnsignal für schwächere Marktphasen in den Folgemonaten.  

Warum Goldman Sachs bei Momentum inzwischen vorsichtiger ist

Für den Gesamtmarkt haben starke Momentum-Rallys in der Nähe von Allzeithochs der Aktienmärkte im Allgemeinen unterdurchschnittliche kurzfristige S&P 500-Renditen signalisiert. Einige der stärksten Momentum-Rallys der Vergangenheit traten während Markteinbrüchen auf, wie etwa im September 1990 und im März 2020. In diesen Phasen gingen die Momentum-Rallys starken durchschnittlichen S&P 500-Renditen in den folgenden drei bis sechs Monaten voraus.

Im Gegensatz dazu gingen kräftige Momentum-Rallys, die auftraten, während der S&P 500 auf oder nahe einem Höchststand notierte, im Allgemeinen mit schwächeren anschließenden Aktienmarktrenditen einher. Zu diesen Phasen gehörten Mitte 1998, Ende 1999 und Ende 2021.

Durchschnittliche S&P 500-Renditen im Umfeld von dreimonatigen Momentum-Rallys von über 20 % seit 1980 - S&P 500 weniger als 5 % vom Höchststand entfernt (dunkelblaue Linie) - S&P 500 mehr als 5 % vom Höchststand entfernt (hellblaue Linie)

Quelle: Goldman Sachs Global Investment Research

Vor diesem Hintergrund gewinnt die Aktienauswahl von Goldman Sachs im "Insensitive Portfolio" erheblich an Bedeutung. Auffällig ist zunächst die Branchenstruktur der Liste. Besonders häufig vertreten sind defensive Konsumwerte, Gesundheitsunternehmen, Rohstofftitel und ausgewählte Energiewerte. Genau diese Bereiche gelten derzeit als vergleichsweise wenig abhängig vom KI-Thema. Goldman Sachs verweist insbesondere auf den Basiskonsumsektor, der zuletzt die geringste Korrelation sowohl zum KI-Trade als auch zum Momentum-Faktor aufwies. Auch Gesundheitstitel und Immobilienwerte zeigten nur eine geringe Abhängigkeit von den dominierenden Markttrends. 

Unter den auffälligsten Namen des "Insensitive Portfolio" finden sich beispielsweise Eli Lilly and Company, Newmont Corporation, Archer-Daniels-Midland Company, Darling Ingredients Inc. oder Cardinal Health, Inc.. 

Dabei fällt auf, dass viele dieser Unternehmen trotz ihrer vergleichsweise defensiven Eigenschaften ordentliche Gewinnzuwächse aufweisen. So erwartet der Konsens bei Darling Ingredients für 2026 ein Gewinnwachstum von mehr als 1.000 %, gefolgt von weiteren 10 % im Jahr 2027. Neurocrine Biosciences, Inc. soll 2026 um 62 % wachsen, Permian Resources Corp um 45 % und Reddit, Inc. um 88 %. 

Die eigentliche Überraschung: Viele Alternativtitel sind günstig bewertet

Interessant ist zudem die Bewertung vieler Titel. Das Median-KGV der Goldman-Sachs-Liste liegt bei 17 und damit exakt auf Höhe des Russell-1000-Durchschnitts. Mehrere Aktien notieren sogar deutlich darunter. So kommt Matador Resources Company lediglich auf ein erwartetes Kurs-Gewinn-Verhältnis von 8, Celanese Corporation auf 9 und AngloGold Ashanti Plc ebenfalls auf 9. 

Das deutet darauf hin, dass Goldman Sachs keineswegs einfach nur defensive Aktien sucht. Vielmehr geht es um Unternehmen, bei denen steigende Gewinnerwartungen bislang noch nicht vollständig im Kurs eingepreist sind.

Genau das macht die Studie für Anleger interessant. Denn derzeit zeigt sich an der Wall Street eine ungewöhnliche Entwicklung: Viele Branchen bewegen sich fast ausschließlich im Gleichschritt mit dem KI-Narrativ. Teilweise laufen die Kurse sogar deutlich stärker als die tatsächlichen Gewinnrevisionen. Besonders stark ausgeprägt ist das laut Goldman Sachs im Halbleitersektor. Dort scheint der Markt bereits langfristige Gewinnexplosionen einzupreisen, die über die kurzfristigen Analystenschätzungen hinausgehen. 

Die vorgestellten Alternativtitel stehen dagegen eher für klassische Börsenmechanik: steigende Gewinne, verbesserte Analystenschätzungen und zugleich deutlich geringere Abhängigkeit von kurzfristigen Modethemen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass KI-Aktien unmittelbar vor einem Einbruch stehen. Goldman Sachs betont ausdrücklich, dass die weitere Entwicklung stark vom makroökonomischen Umfeld und vom Verlauf der KI-Investitionen abhängen wird. Sollte der KI-Boom anhalten, könnten Momentum-Strategien durchaus noch weiterlaufen. 

Gleichzeitig zeigt die Historie jedoch, dass extrem einseitige Marktphasen selten dauerhaft stabil bleiben. Irgendwann beginnen Investoren meist wieder stärker auf Bewertungen, Gewinnqualität und Diversifikation zu achten.

Die Botschaft der Goldman-Studie

Genau darauf scheint Goldman Sachs nun bereits vorbereitet zu sein. Die eigentliche Botschaft der Studie lautet deshalb wohl weniger "Verkauft KI-Aktien", sondern vielmehr: Anleger sollten vermeiden, dass ihr gesamtes Depot nur noch von einem einzigen Börsenthema abhängt.

Denn wenn ein Markt irgendwann nur noch von wenigen Gewinnern getragen wird, steigt automatisch die Bedeutung jener Aktien, die bislang im Schatten des großen Trends standen – obwohl ihre fundamentale Entwicklung durchaus überzeugen kann.

 

 


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