Neues Anlagekonzept: Diese krisenfesten 12 Aktien versprechen auch im veränderten heutigen Marktumfeld Gewinn

Jürgen Research ist als freier Redakteur beschäftigt. Artikel von freien Redakteuren stellen deren eigene Meinung dar und müssen mit der von aktien nicht korrespondieren.

Pandemie, Handelskonflikte, Kriege plus ein Rüstungs- und Investitionsboom haben die Börsenwelt verändert. Die Berenberg Bank hält deshalb Widerstandsfähigkeit als Performance-Quelle für sehr wichtig. Wir stellen das Konzept und ein Dutzend seiner Favoriten-Aktien vor.

Lange galt: Wenn die Wirtschaft schwächelt, fallen die Aktien, und wenn die Zinsen steigen, geraten Aktien unter Druck. Solche Zusammenhänge haben Anlegern über Jahrzehnte Orientierung gegeben. Nach Einschätzung der Berenberg-Analysten Chris Armstrong, Lauma Kalns-Timans und Ashley O’Malley gelten sie in den 2020er-Jahren nur noch eingeschränkt.

Sie sprechen stattdessen von einem neuen Regime aus drei Entwicklungen: Störungen ("Disruption") treten häufiger auf, ihre Folgen fallen für Länder, Branchen und Unternehmen sehr unterschiedlich aus ("Divergenz"), und die Börsenkurse lösen sich zeitweise von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten ("Dislokation").

Belege dafür finden die Analysten an mehreren Stellen. Die Aktienkurse entwickeln sich zunehmend losgelöst von klassischen Konjunkturindikatoren. Die Anleihemärkte schwanken stärker, weil die Renditen auf einem Niveau liegen, das es seit Jahrzehnten nicht gab, während die Aktienmärkte ungewöhnlich ruhig blieben.

Und die Gewinnentwicklung driftet auseinander: Die großen US-Technologiekonzerne und KI-nahen Werte (die sogenannten "Magnificent Seven") haben ihre Gewinne viel stärker gesteigert als der Rest des US-Marktes oder die europäischen Aktien. Winner und Verlierer sind damit schwerer vorherzusagen als früher.

Warum Staaten und Konzerne Sicherheit plötzlich über Effizienz stellen

Der Grund für diese Verschiebung liegt aus Sicht von Berenberg in der Zersplitterung der Weltwirtschaft. Handelsbeschränkungen, Exportkontrollen, der Wettbewerb zwischen den USA und China sowie Kriege lassen Länder und Unternehmen umdenken.

Die Welt ist stärker fragmentiert

Indizes für die Zersplitterung des Welthandels, der Finanzmärkte und der weltweiten Mobilität

Indizes für die Zersplitterung des Welthandels

Quellen: Berenberg Research, Geopolitical Fragmentation Index, Are We Fragmented Yet? Measuring Geopolitical Fragmentation and Its Causal Effect, 20244

Früher zählte, möglichst günstig und "just in time" zu produzieren. Heute zählt zunehmend, nicht von einem einzigen Lieferanten oder Land abhängig zu sein, also Lager aufzubauen, Bezugsquellen zu verteilen und kritische Technik im eigenen Land zu halten. Das kostet Geld und drückt auf die Effizienz, gilt aber als Preis für Sicherheit.

Die Staaten flankieren das mit hohen Ausgaben. Die Verschuldung dürfte laut der Studie in den großen Volkswirtschaften bis 2029 weiter deutlich steigen, in den USA und China jeweils um rund 9 Billionen USD. Berenberg leitet daraus eine Welt "höherer Zinsen für längere Zeit" ("higher for longer") ab: Kapital bleibt knapp und teuer, weil Staaten und Unternehmen zugleich viel investieren müssen.

Auch bekannte Börsenthemen der letzten Jahre wie künstliche Intelligenz, der Rohstoffboom, Verteidigung oder die Energiewende lassen sich laut Berenberg als Antworten auf diese Zersplitterung verstehen. Überall sucht jemand nach Widerstandsfähigkeit.

Zwei Investitionszyklen: Europa gegen USA

Daraus ergibt sich ein wichtiger regionaler Unterschied zwischen den USA und Europa. In den USA fließt das Geld vor allem in Künstliche Intelligenz. Die großen Cloud-Anbieter ("Hyperscaler") dürften nach Berenbergs Schätzung 2026 rund 850 Mrd. USD und 2027 rund 1,3 Billionen USD investieren. Um das zu stemmen, haben sie im ersten Halbjahr 2026 Anleihen über rund 140 Mrd. USD ausgegeben, 35 % mehr als im gesamten Jahr 2025.

Die Analysten warnen vor einer gefährlichen Verflechtung: Laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich stammen rund 55 % der Beteiligungen an KI-Firmen von anderen KI-Firmen. Man finanziert sich also teils gegenseitig. Ob die heutigen Gewinner den Nutzen der KI am Ende auch für sich abschöpfen können, ist offen. Zudem drohen steigende Anleiherenditen und politischer Gegenwind.

In Europa sieht Berenberg einen anderen Zyklus. Hier fließt das Geld überwiegend in Verteidigung, Energie, Netze und Infrastruktur, getragen von politischer Unterstützung. Die Branchen sind stärker reguliert, der Wettbewerb ist begrenzter, und das allgemeine Investitionsniveau startet von einer niedrigen Basis. Das macht es nach Einschätzung der Analysten leichter vorherzusagen, wer vom ausgegebenen Geld tatsächlich profitiert.

Passend dazu: Beim Anteil der Aktien, die den Gesamtmarkt über drei Jahre schlagen, zeigen europäische Titel mehr Breite als US-Titel. Berenberg rät daher zur Vorsicht bei US-Aktien und zu einer aktiven, selektiven Auswahl statt passiver Indexanlage.

Zwei Investitionszyklen: Europa sucht Widerstandsfähigkeit, die USA setzen auf KI und Effizient

Investitionswachstum der Unternehmen im Stoxx 600 und S&P 500 über 5 Jahre (in %)

Investitionswachstum der Unternehmen im Stoxx 600 und S&P 500 über 5 Jahre

Quellen: Berenberg Research, Bloomberg

Was Berenberg unter Widerstandsfähigkeit versteht – und wie sie gemessen wird 

Klassisch verstand man darunter Abwehr: Schwankungen dämpfen, Verluste begrenzen. Das hält Berenberg für überholt. Widerstandsfähig ist aus ihrer Sicht ein Unternehmen, das sich an eine veränderte Welt anpassen und von ihr sogar profitieren kann. Dafür hat die Bank ein Modell entwickelt, das jene 884 Aktien berücksichtigt, die seit dem Jahr 2011 den Leitindex STOXX 600 (unter striktem Ausschluss von Banken und Versicherungen) durchlaufen haben.

Konkret stützt sich das verwendete Faktormodell auf vier Säulen: 1) Margen, freie Cashflows und Gewinnstabilität; 2) eine solide Bilanz; 3) ein gleichmäßiger operativer Geschäftsverlauf; und 4) kontinuierliche Investitionen.

Insgesamt fließen 16 Kennzahlen in die Bewertung ein, die im Querschnittvergleich gerankt werden. Wichtig: Gemessen wird die Schwankung innerhalb eines Unternehmens, nicht das absolute Niveau, damit Branchen mit von Natur aus niedrigen Margen nicht von vorneherein benachteiligt sind.

Anschließend werden die Aktien jedes Quartal in vier gleich große Gruppen ("Quartile") eingeteilt. Das beste Viertel ist das "Quartil 1".

Was der Ansatz bislang geleistet hat 

Das Ergebnis: Das beste Viertel brachte laut Studie im Schnitt rund 2,25 % pro Quartal, der Vergleichsindex rund 1,7 %. Das entspricht rund 2 % Mehrertrag pro Jahr. Auffällig ist zudem: Die Abschläge für wenig widerstandsfähige Unternehmen sind seit 2020 größer geworden. Wer zur schwächsten Gruppe gehört, wird vom Markt härter bestraft als früher.

Auch ein Wetten-Test, bei dem man die besten Aktien kauft und die schwächsten leerverkauft ("Long-Short"), blieb über den gesamten Zeitraum und auch nach dem Regimewechsel erfolgreich. Andere Anlagestile wie "Wachstum" oder "Substanz" schwankten in ihrer Wirksamkeit deutlich stärker.

Zwei Ergebnisse sind für Anleger besonders praktisch. Erstens ist der Ansatz kein verkappter Defensiv-Ansatz: Das beste Viertel ist überdurchschnittlich in Industrie, Rohstoffen und Gesundheit vertreten, dagegen kaum in Versorgern, Energie und Kommunikation. Zweitens überschneidet sich das Modell kaum mit anderen Stilen, abgesehen von einer Vorliebe für kleinere und mittelgroße Unternehmen. Berenberg schließt daraus, dass man es zusätzlich in bestehende Strategien einbauen kann, statt sie zu ersetzen.

Widerstandsfähige Aktien legen langfristig besser zu, schwache werden härter bestraft

Gesamtperformance Quartil 1 + 4 sowie STOXX 600 im Vergleich

Gesamtperformance Quartil 1 + 4 sowie STOXX 600 im Vergleich

Quellen: Berenberg Research, Bloomberg 

Branchenaufteilung der Aktien, die in mehr als 50 % der Fälle im ersten Quartil lagen (über den gesamten Zeitraum und seit 2019), bezogen auf den STOXX 600

Branchenaufteilung der Aktien, die in mehr als 50 % der Fälle im ersten Quartil lagen

Quellen: Berenberg Research, Bloomberg

Die Favoriten: Aktien, die vom neuen Regime profitieren 

Aus dem Modell hat Berenberg unter anderem eine Gruppe von Aktien herausgefiltert, die sie "Gewinner des neuen Regimes" ("New-Regime Winners") nennt. Gemeint sind Unternehmen, die seit Ende 2019 überwiegend zu den widerstandsfähigsten 25 % des Index zählen oder sich in den vergangenen drei Jahren deutlich verbessert haben.

Sie sind laut Berenberg entweder Nutznießer des neuen Regimes oder haben ihr Geschäft stabilisiert. Das Jahr 2019 markiert den Beginn der Pandemie-Zeit. Die Aktien haben also schon im veränderten Umfeld gezeigt, dass sie sich behaupten. Die Studie führt zwölf Titel auf, die alle von den Berenberg-Analysten mit "Kaufen" ("Buy") eingestuft sind.

Die zwölf Favoriten unter den "Gewinnern des neuen Regimes"

Die zwölf Favoriten

Erläuterung: Kurspotenzial = Abstand zwischen Kurs und Kursziel (Angabe laut Studie). Anteil im besten Viertel = Zeitanteil, in dem die Aktie seit Ende 2019 zu den widerstandsfähigsten 25% des europäischen Index STOXX 600 (ohne Banken und Versicherungen) zählte. KGV 2027 = Kurs geteilt durch den für 2027 erwarteten Gewinn je Aktie. Dividendenrendite = erwartete Dividende 2027 im Verhältnis zum Kurs. Umsatzwachstum = erwartete durchschnittliche jährliche Steigerung des Umsatzes vom 2026 bis 2028. Gewinnwachstum = erwartete durchschnittliche jährliche Steigerung des bereinigten Gewinns je Aktie von 2026 bis 2028.

Quelle: Berenberg, "Equity framework for a changed world" (26.10.2026); Schätzungen, keine Garantien.; eigene Darstellung.

Bei den Gewinnern seit 2019 fällt zunächst die Qualität auf. Der Softwarekonzern SAP rechnet mit einem Gewinnplus von 17,6 % pro Jahr, bringt eine Kapitalrendite von 24 % und hat mehr Geld auf dem Konto als Schulden. Berenberg hat das Kursziel am 22. Oktober von 205 EUR auf 240 EUR angehoben. Der Hersteller von Kombidämpfern, also Gar- und Backgeräten für Profiküchen, RATIONAL erzielt eine Kapitalrendite von 37 % und hat ebenfalls Nettoguthaben. Das Kursziel liegt bei 835 EUR, also fast 29 % über dem Kurs. 

Die höchste Beständigkeit im Modell zeigt der IT-Dienstleister Bechtle mit 75 % der Zeit im besten Viertel. Rio Tinto gefällt mit einem moderaten geschätzten KGV von 10,2 und einer erwartete Dividendenrendite von rund 6 %. Berenberg sieht im Rohstoffkonzern einen Nutznießer der Knappheit bei Metallen, Ferrari steht für Preismacht, Alcon für Medizintechnik für die Augen und Interpump für Hochdruckpumpen.

Bei den Aufsteigern ist die Historie kürzer, aber die Dynamik besser. Der Bergbauausrüster Weir hat mit 53,5 % das größte Kurspotenzial der ganzen Gruppe, das Kursziel steht bei 36,50 GBP. Der Elektronik- und Industriebedarfshändler RS Group ist erst seit dem 21. Oktober mit "Kaufen" eingestuft, zuvor lautete die Empfehlung "Halten". Das Kursziel wurde von 6,50 GBP auf 9,00 GBP angehoben. Der Versorger Centrica soll die Gewinne um 14,9 % pro Jahr steigern. Eine Sonderstellung hat Shell: Berenberg rechnet hier mit rückläufigen Umsätzen und Gewinnen, schätzt aber die Bilanz und die Kapitalrückflüsse, das Kurspotenzial selbst beträgt 13,3 %.

Was Anleger bedenken sollten 

Drei Einschränkungen gehören zur abschließenden ehrlichen Einordnung. Erstens stützt sich das Modell auf vergangene Kennzahlen. Es belohnt solide Bilanzen und stabile Erträge, kann aber Unternehmen übersehen, die kräftig Kapital einsetzen und erst später Gewinne einfahren. Die Studie räumt das für den Investitionszyklus selbst ein.

Zweitens sind einige Bewertungen anspruchsvoll, etwa bei Ferrari, Belimo oder SAP. Drittens liegt das Potenzial bei einzelnen Titeln unter der 15 %-Schwelle, ab der Berenberg normalerweise "Kaufen" vergibt. Die Bank weist selbst darauf hin, dass diese Kriterien in bewegten Marktphasen vorübergehend verletzt sein können. Und natürlich gilt: Kursziele sind Schätzungen und keine Garantien.

Unterm Strich liefert die Studie ein schlüssiges Gedankengebäude: Wenn Sicherheit wichtiger wird als Effizienz, sollten Unternehmen mit stabilen Erträgen, soliden Bilanzen und stetigen Investitionen im Vorteil sein. Für Anleger, die nicht nur auf wenige Favoriten setzen wollen, könnte das ein hilfreicher zusätzlicher Auswahlfilter sein.

 


Bildherkunft: AdobeStock_2034028091