Qualitätsaktien: Goldman Sachs rechnet mit Comeback – 13 Titel aus Europa mit mehr als 20 % Kurspotenzial

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Goldman Sachs sieht angesichts geopolitischer Risiken und ambitionierter Bewertungen im Gesamtmarkt wieder bessere Argumente für Qualitätsaktien aus Europa. Bei 13 Werten wittert die Investmentbank besonders gute Chancen.

Während sich Investoren zunehmend mit geopolitischen Risiken und steigenden Unsicherheiten im makroökonomischen Umfeld konfrontiert sehen, bleiben die internationalen Aktienmärkte erstaunlich robust. Genau aus dieser Konstellation leitet Goldman Sachs eine neue Präferenz ab: Die Strategen der US-Investmentbank sehen wieder überzeugendere Argumente für europäische Qualitätsaktien.

Ausgangspunkt der Überlegungen ist dabei die angespannte Lage im Nahen Osten. Sollte sich der Konflikt weiter hinziehen und zu anhaltenden Störungen wichtiger Energietransportrouten wie der Straße von Hormus führen, könnten die wirtschaftlichen Folgen laut Goldman Sachs überproportional ausfallen. Ein länger anhaltender Schock hätte demnach das Potenzial, das Wachstum zu bremsen und gleichzeitig die Inflation nach oben zu treiben – eine Kombination, die traditionell als schwierig für die Kapitalmärkte gilt.

Marktumfeld spricht für eine defensivere Ausrichtung

Bemerkenswert ist aus Sicht der Strategen vor allem, wie gelassen die Aktienmärkte bislang auf diese Risiken reagieren. Der STOXX Europe 600 notiert trotz der gestiegenen Unsicherheiten lediglich rund 8 % unter seinem Hoch, während der S&P 500 etwa 5 % darunter liegt. Gleichzeitig bewegen sich viele Sektoren auf historisch ambitionierten Bewertungsniveaus. Besonders zyklische Bereiche erscheinen im Vergleich zu defensiven Segmenten und Qualitätswerten weiterhin teuer.

Goldman Sachs sieht hier eine zunehmende Verwundbarkeit der Märkte, insbesondere falls Inflationsrisiken stärker auf die Anleihemärkte übergreifen sollten. Die Risikoprämien am Aktienmarkt bewegen sich auf einem 20-Jahres-Tief, während sich im Kreditmarkt bereits erste Schwachstellen zeigen. Zwar rechnen die Strategen nicht mit einem klassischen Bärenmarkt, da sowohl die Gewinnentwicklung als auch die Bilanzen vieler Unternehmen weiterhin solide erscheinen. Dennoch spreche die asymmetrische Risikolage dafür, Engagements in defensiveren und qualitativ hochwertigen Unternehmen auszubauen.

Besonders interessant erscheint dabei der Blick auf die relative Entwicklung von Qualitätsaktien. Diese haben in Europa zuletzt deutlich hinter dem Gesamtmarkt zurückgelegen. Der MSCI Europe Quality Index verzeichnete in den Jahren 2024 und 2025 zwei der schwächsten relativen Jahre seiner Geschichte. Nach Berechnungen von Goldman Sachs legte der eigene Quality-Aktienkorb im vergangenen Jahr lediglich um 8 % zu, während der Gesamtmarkt um 17 % stieg.

Qualitätsaktien in Europa sind in letzter Zeit deutlich hinter dem Gesamtmarkt zurückgeblieben

MSCI Europe Quality im Vergleich zum Markt

MSCI Europe Quality im Vergleich zum Markt

Quellen: Datastream, FactSet, Bloomberg, Goldman Sachs Global Investment Research

"Europe Quality" erlebte zuletzt die schlechtesten Jahre seiner Geschichte

Kalenderbereinigte relative Wertentwicklung des MSCI Quality im Vergleich zu Europa (seit 1990)

Datastream, Goldman Sachs Global Investment Research

Quellen: Datastream, Goldman Sachs Global Investment Research

Nach Einschätzung der Analysten lag diese Schwäche jedoch nicht an einer Verschlechterung der Fundamentaldaten hochwertiger Unternehmen. Vielmehr sei die Entwicklung vor allem durch eine starke Rally bei konjunktursensitiven sowie niedriger bewerteten Aktien geprägt gewesen, die von besseren Konjunkturerwartungen und Umschichtungen in Richtung Value- und Zyklikertitel profitiert hätten. Auch im laufenden Jahr hätten Qualitätsaktien bislang hinter dem Markt zurückgelegen, obwohl sich das Umfeld graduell wieder verbessere.

Bewertung als Anlageargument

Gerade diese Underperformance hat nach Ansicht von Goldman Sachs jedoch dazu geführt, dass sich die Bewertungen wieder normalisiert haben. Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis der Qualitätsaktien liegt aktuell bei rund 17,5x und damit unter dem historischen Durchschnitt, während der Gesamtmarkt weiterhin über seinem langfristigen Bewertungsniveau notiert. Gleichzeitig ist der Bewertungsaufschlag von Qualitätsaktien gegenüber dem Gesamtmarkt auf etwa 20 % zurückgegangen und bewegt sich damit in der Nähe eines Zehnjahrestiefs.

Die Bewertungen für Qualitätsaktien haben sich nun normalisiert, nachdem sie jahrelang überzogen waren

Europa – Qualitätsaktien – KGV auf Basis der nächsten 12 Monate

Europa – Qualitätsaktien – KGV auf Basis der nächsten 12 Monate

Quellen: FactSet, Datastream, Goldman Sachs Global Investment Research

Zugleich beobachten die Strategen eine zunehmende Differenzierung innerhalb des Qualitätssegments. Unternehmen mit besonders starken Bilanzen beginnen wieder besser abzuschneiden, da Investoren sich angesichts steigender Risiken im Kreditbereich zunehmend auf finanzielle Stabilität konzentrieren. Dagegen zeigen sich Qualitätssegmente, deren Einordnung stärker auf rückwärtsgerichteten Kennzahlen wie stabilen Margen oder konstantem Wachstum basiert, bislang weniger dynamisch.

Zu diesen Bereichen zählen unter anderem defensive Konsumwerte, Gesundheitsaktien, Schweizer Standardwerte sowie die sogenannten GRANOLAS. Belastend wirkte hier auch die Entwicklung im Luxusgütersektor, in dem mehrere große europäische Qualitätsunternehmen vertreten sind. Diese litten zuletzt unter ihrer Abhängigkeit von globalen Reiseaktivitäten sowie der Nachfrage aus dem Nahen Osten. Entsprechend verlor der von Goldman Sachs beobachtete Luxusgüterkorb seit Ende Februar rund 16 % an Wert.

Wie der Markt im Vergleich zu 2022 bisher auf die Umwälzungen reagiert hat

Wie der Markt im Vergleich zu 2022 bisher auf die Umwälzungen reagiert hat

Quellen: Bloomberg, Goldman Sachs Global Investment Research 

Verbesserte Ergebnisaussichten ab 2027

Beim Blick auf die Gewinnentwicklung ergibt sich ein zweigeteiltes Bild. Für 2026 erwarten Analysten derzeit lediglich ein Umsatzwachstum von etwa 2 % sowie ein Gewinnwachstum je Aktie von rund 4 % für den Goldman-Quality-Korb – die niedrigsten Wachstumsraten unter den verschiedenen untersuchten Anlagesegmenten. Für 2027 wird dagegen eine deutliche Beschleunigung erwartet. Hier sollen die Umsätze um 5,5 % und die Gewinne je Aktie um rund 10 % steigen, was die stärkste Wachstumsbeschleunigung unter den betrachteten Strategiekörben darstellen würde.

Analysten prognostizieren für europäische Qualitätswerte einen starken Anstieg bei Gewinn und Umsatz

Analysten prognostizieren für europäische Qualitätswerte einen starken Anstieg bei Gewinn und Umsatz

Quellen: Factset, Goldman Sachs Global Investment Research

Ein weiteres Argument der Strategen betrifft die Stabilität der Gewinne. Qualitätsunternehmen hätten sich historisch durch geringere negative Gewinnrevisionen sowie strukturell höhere Margen ausgezeichnet. Zweifel einiger Investoren, wonach Künstliche Intelligenz die Wettbewerbsvorteile bestimmter Qualitätsunternehmen gefährden könnte, hält Goldman Sachs zumindest für Europa für übertrieben. Software- und IT-Dienstleister machen lediglich rund 1 % des MSCI Europe Quality Index sowie etwa 3 % des Goldman-Quality-Korbs aus. Zum Vergleich: In den entsprechenden US-Indizes liegen diese Anteile bei 8 % beziehungsweise 15 %.

Als Risiko für die Investmentthese nennt Goldman Sachs vor allem ein Szenario, in dem sich die geopolitischen Spannungen schneller als erwartet entspannen. In diesem Fall könnten Investoren rasch zu den vorher dominierenden Markttrends zurückkehren, von denen insbesondere zyklische Titel profitieren würden.

Eine weitere Rolle spielt die Währungsentwicklung, da viele europäische Qualitätsunternehmen stark international aufgestellt sind. Weniger als 40 % der Umsätze des Goldman-Quality-Korbs stammen aus Europa, während die USA eine größere Rolle spielen als die Eurozone. Diese internationale Ausrichtung hatte im vorangegangenen Marktzyklus Vorteile gebracht, stellte im vergangenen Jahr jedoch einen Belastungsfaktor dar.

13 Titel mit besonders viel Aufwärtspotenzial

In der Gesamtschau kommt Goldman Sachs dennoch zu dem Ergebnis, dass sich das Investmentargument für Qualitätsaktien zuletzt deutlich verbessert hat. Zwar erwarten die Ökonomen der Bank keine Rezession, doch dürfte ein unsichereres Umfeld die Nachfrage nach Unternehmen mit stabilen Geschäftsmodellen und soliden Bilanzen erhöhen.

Auch auf Einzeltitelebene bleiben die Analysten konstruktiv. Für 20 Unternehmen aus dem Quality-Korb bestehen Kaufempfehlungen. Bei 13 dieser Werte sehen die Experten ein Kurspotenzial von mehr als 20 %. Dazu zählen ASML, SAP, L’Oréal, Ferrari, Experian, Logitech, KBC Group, Sika, Nemetschek, FinecoBank, Elisa, Next sowie Novonesis.

Europa-Qualitätsaktienkorb von Goldman Sachs im Überblick

Fazit: Für Anleger ergibt sich daraus eine relativ klare strategische Einordnung. Goldman Sachs sieht Qualitätsaktien derzeit weniger als kurzfristigen Trendtrade, sondern vielmehr als Positionierung für ein Umfeld, das zwar weiterhin Wachstum ermöglicht, gleichzeitig aber von höheren Unsicherheiten geprägt ist. Gerade weil viele Marktsegmente nach der starken Entwicklung der vergangenen Jahre anspruchsvoll bewertet erscheinen, könnten Unternehmen mit robusten Bilanzen, stabilen Cashflows und soliden Geschäftsmodellen wieder stärker in den Fokus rücken.

Oder anders formuliert: Nicht eine bevorstehende Krise macht Qualitätsaktien aus Sicht von Goldman Sachs interessant, sondern die Kombination aus gestiegenen Risiken, wieder vernünftigeren Bewertungen und der Aussicht auf eine sich mittelfristig wieder beschleunigende Gewinnentwicklung.


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