Goldman Sachs setzt im August neu auf drei europäische Aktienfavoriten
Vom Halbleiterausrüster über einen Bauchemiespezialisten bis zum Kosmetikkonzern: Goldman Sachs sieht bei diesen Aktien-Trio aus Europa noch reichlich Potenzial.
Die "European Conviction List – Directors’ Cut" von Goldman Sachs ist mehr als eine Zusammenstellung von Kaufempfehlungen. In ihr bündelt die US-Investmentbank jene europäischen Aktien, von denen ihre Analysten aktuell besonders überzeugt sind.
Dabei zählt nicht allein, wie hoch ein Kursziel ausfällt. Entscheidend ist vielmehr die Kombination aus erwarteter Gewinnentwicklung, Bewertung und konkreten Kurstreibern – und die Einschätzung, dass der Markt diese Faktoren noch nicht vollständig berücksichtigt.
Interessant wird die Liste vor allem durch ihre regelmäßigen Veränderungen. Sie ist kein starres Portfolio, sondern wird fortlaufend überprüft und in der Regel monatlich angepasst. Aktien kommen hinzu, wenn Goldman Sachs neue Chancen sieht oder die eigene Einschätzung positiver wird; andere Titel werden gestrichen, wenn die Investmentthese an Überzeugung verliert, das erwartete Kurspotenzial weitgehend ausgeschöpft ist oder sich attraktivere Möglichkeiten ergeben. Eine Aufnahme in die Liste muss dabei nicht mit einer Änderung der offiziellen Kauf- oder Verkaufsempfehlung verbunden sein.
Gerade diese Veränderungen machen die August-Ausgabe interessant. Goldman Sachs hat ASML, Sika und Puig Brands neu aufgenommen, während Schneider Electric und Knorr-Bremse die Liste verlassen mussten. Die drei Neuzugänge kommen aus völlig unterschiedlichen Branchen und verfolgen entsprechend unterschiedliche Geschäftsmodelle.
Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass Goldman Sachs bei allen drei Aktien noch nicht ausgeschöpftes Potenzial sieht – sei es durch steigende Nachfrage, höhere Margen, neue Wachstumsmöglichkeiten oder eine aus Sicht der Analysten zu niedrige Bewertung.
Was hinter den drei neuen Favoriten steckt und warum Goldman Sachs gerade jetzt auf sie setzt:
ASML: Nicht nur eine KI-Wette

Bei ASML (ISIN: NL0010273215 – 1.499,00 EUR) setzt Goldman-Sachs-Analyst Alexander Duval auf eine Kombination aus hoher Nachfrage, wachsender Visibilität bei den Kapazitätsplanungen und steigenden Margen. Der niederländische Halbleiterausrüster hat bereits die Mehrheit der für 2027 benötigten EUV-Aufträge gesichert und verfügt zudem über nennenswerte Bestellungen für 2028.
Die Nachfrage kommt sowohl aus dem Logic-Bereich als auch aus DRAM und HBM. Bei Logic sorgen die immer breiteren Anwendungen Künstlicher Intelligenz für Investitionen über verschiedene Fertigungsknoten hinweg, während die anhaltende Speichernachfrage die Kunden zu weiteren Mega-Fab-Investitionen bewegt.
ASML arbeitet deshalb daran, die Produktionskapazitäten für EUV- und Immersionssysteme bis 2027 um rund 30 % zu erhöhen und erwägt einen ähnlichen Schritt für 2028. Für Duval ist entscheidend, dass die Gespräche mit den Kunden über weitere Kapazitäten noch laufen. Seine Gewinnschätzungen für 2027, 2028 und 2029 liegen deshalb 5 %, 11 % bzw. 18 % über dem Visible-Alpha-Konsens.
Preissetzungsmacht und Produktmix treiben die Margen
Neben dem Umsatzwachstum erwartet Goldman Sachs einen deutlichen Margenhebel. Die Preissetzungsmacht von ASML wird durch den steigenden Kundennutzen der EUV-Systeme gestützt.
Gleichzeitig verschiebt sich der Produktmix bis 2027 zu produktiveren Plattformen mit höheren Durchschnittspreisen und Bruttomargen. Steigende Stückzahlen verbessern zudem die Fixkostendegression, während die wachsende installierte Basis margenstärkere Service- und Upgrade-Erlöse generiert.
Duval erwartet deshalb einen Anstieg der EBIT-Marge von 40,6 % im Geschäftsjahr 2026 auf 49,8 % im Jahr 2029. Damit liegt er über dem Konsens von 47,0 % für 2029.
Der Burggraben reicht über KI hinaus
Goldman Sachs hält die ASML-Story ausdrücklich für mehr als eine reine KI-Wette. Die monopolartige Position bei EUV hat den technologischen Burggraben weiter vertieft. Zwar dürfte KI rund 45 % des von Duval erwarteten zusätzlichen Umsatzwachstums zwischen 2025 und 2027 erklären. Der größere Teil kommt demnach aus anderen strukturellen Treibern wie einer steigenden Zahl von EUV-Schichten bei Chips und zunehmenden Investitionsineffizienzen durch eine breitere Kundenbasis.
Auch die Konkurrenz aus China sieht Duval weniger kritisch als manche Marktteilnehmer. Der technologische Abstand sei weiterhin erheblich. Als zusätzlichen Hebel betrachtet er High-NA-EUV: Erkenntnisse eines Besuchs bei ASML deuten darauf hin, dass Speicherhersteller diese nächste Generation möglicherweise schneller übernehmen könnten als Logic-Kunden.
Bewertung und Kursziel
ASML wird auf Basis der für die kommenden zwei Jahre erwarteten Gewinne mit dem 21,7-Fachen bewertet. Damit liegt die Aktie rund 3 % unter dem Bewertungsniveau der globalen Halbleiter-Vergleichsgruppe ohne Europa. Historisch wurde dagegen eine Prämie von 38 % bezahlt. Einschließlich europäischer Halbleiterwerte beträgt der Abschlag ebenfalls 3 %, gegenüber einer historischen Prämie von 18 %. Angesichts des steigenden Umsatzanteils der monopolgeschützten EUV-Technologie hält Duval den Bewertungsabschlag für nicht gerechtfertigt.
Sein Zwölfmonatskursziel beträgt 2.200 EUR. Auf Basis des aktuellen Kurses von 1.499 EUR ergibt sich daraus ein Kurspotenzial von rund 47 %. Das Ziel basiert auf einem KGV von 32 auf die erwarteten Gewinne der zweiten Jahreshälfte 2027 und der ersten Jahreshälfte 2028.
Katalysatoren und Risiken
Als nächste Kurstreiber nennt Goldman Sachs weiteres Ergebnismomentum, Hinweise auf steigende Preise für ASML-Systeme und zusätzliche Signale für eine Ausweitung der Produktionskapazitäten. Risiken bleiben Verzögerungen bei EUV, die Zyklik der Investitionsausgaben und ungünstige Verschiebungen bei Marktanteilen.
Sika: Volumen erholt sich, Margen geben zusätzlichen Schub

Bei Sika (ISIN: CH0418792922 – 194,00 CHF) sieht Goldman-Sachs-Analyst Ben Rada-Martin eine wichtige Trendwende. Das organische Umsatzwachstum beschleunigte sich im zweiten Quartal auf 6 %, nachdem es in den vergangenen zwei Jahren überwiegend zwischen -1 und -2 % gelegen hatte. Ohne den chinesischen Bausektor waren es sogar 7 %. Damit entwickelte sich Sika besser als die bislang berichtenden Wettbewerber, deren organisches Wachstum im zweiten Quartal bei rund 5 % lag.
Rada-Martin hält diese Verbesserung für nachhaltig und erwartet für das zweite Halbjahr 2026 ein währungsbereinigtes Umsatzwachstum von 5,5 %. Das Risiko für Sikas eigene Prognose von 3 bis 6 % Wachstum liegt seiner Ansicht nach eher auf der Oberseite. Der defensive Endkundenmix mit Schwerpunkten bei Infrastruktur, Renovierung und Rechenzentren macht das Unternehmen zudem weniger zinssensitiv. Rückenwind könnte außerdem von den deutschen staatlichen Investitionen kommen.
Preissetzungsmacht schützt die Margen
Der zweite Teil der Sika-Story ist die Preissetzung. Nach Ansicht von Goldman Sachs kann das Unternehmen seine Preise auch dann halten, wenn die Rohstoffinflation nachlässt. Weitere Preiserhöhungen im zweiten Halbjahr erscheinen ebenfalls möglich. Die starke Position erklärt Rada-Martin mit der Spezialisierung der Produkte und ihrem relativ geringen Anteil an den gesamten Baukosten.
Gleichzeitig zeichnet sich eine Entspannung bei den Chemierohstoffkosten ab. Dadurch entsteht die Grundlage für eine weitere Margenausweitung 2027. Rada-Martin erwartet eine EBITDA-Marge von 20,2 %, 40 Basispunkte über dem Konsens. Daraus resultieren 3 % höhere EBITDA- und 5 % höhere Schätzungen beim Ergebnis je Aktie.
Sika investiert laut Goldman Sachs etwa doppelt so viel in Forschung und Entwicklung (F&E) wie der nächstgrößere Wettbewerber. Seit 2019 hat dies zu jährlichen Wachstumsraten von rund 10 % bei Patenten und Innovationen geführt. Die Größe der F&E-Plattform verschafft Sika Skalenvorteile und ermöglicht es, durch neue und margenstärkere Produkte schneller als die nominalen Bauausgaben zu wachsen.
Bewertung und Kursziel
Trotz der starken Kursreaktion auf die jüngsten Quartalszahlen wird Sika laut Goldman Sachs weiterhin mit einem Abschlag zur eigenen Historie bewertet. Das aktuelle KGV liegt laut Studie bei etwa 22, gegenüber durchschnittlich 28 in den vergangenen zehn Jahren. Angesichts der verbesserten Wachstumsaussichten hält Rada-Martin dies für attraktiv.
Sein Zwölfmonatskursziel liegt bei 220 CHF. Ausgehend vom aktuellen Kurs von 194 CHF verbleibt ein Kurspotenzial von rund 13 %. Das Ziel basiert auf einem KGV von 24 auf die erwarteten Gewinne der kommenden zwölf Monate.
Katalysatoren und Risiken
Als wichtige Katalysatoren nennt Goldman Sachs den Investorentag am 1. Oktober, weitere Quartalsberichte der Wettbewerber sowie die Entwicklung der US- und EU-Erzeugerpreise und der Chemierohstoffkosten. Risiken sind vor allem ein schwächerer Bauzyklus in den USA und China, stärker steigende Rohstoffkosten, eine nachlassende Übernahmeaktivität und zunehmender Wettbewerb.
Puig Brands: Wachstumspotenzial bei vergleichsweise niedriger Bewertung

Bei Puig Brands (ISIN: ES0105777017 – 16,88 EUR) sieht Goldman-Sachs-Analyst Aron Adamski vor allem im Duftgeschäft noch erhebliches Potenzial. Das Unternehmen verfügt bei Damendüften erst über 8 % Marktanteil, bei Herrendüften dagegen über 17 %, obwohl der Damenmarkt fast doppelt so groß ist. Adamski hält deshalb einen Anstieg des Marktanteils auf 9 % bis 2030 für möglich. Das könnte ein mittelfristiges organisches Wachstum von rund 6 % ermöglichen, während der Gesamtmarkt um weniger als 4 % wächst.
Unterstützung kommt von der umfangreichsten Vierjahres-Pipeline neuer Produkte in der Unternehmensgeschichte. Sollten neue Produkte an frühere Blockbuster anknüpfen, sieht Goldman Sachs weiteres Aufwärtspotenzial. Zusammen mit dem stabilen Marktanteil bei hochwertigen Herrendüften könnte das Duftgeschäft bis 2028 um mehr als 5 % wachsen – gegenüber rund 4,5 % für die Branche und 4,3 % im Konsens.
Make-up und Hautpflege als zweite Wachstumssäulen
Auch außerhalb des Duftgeschäfts gibt es noch Raum. Make-up und Hautpflege machten 2025 weniger als 30 % des Umsatzes aus, sollen aber bis 2030 jeweils nachhaltig im mittleren einstelligen Prozentbereich wachsen. Bei Charlotte Tilbury sieht Goldman Sachs insbesondere Expansionschancen in Lateinamerika und Asien. In der Hautpflege bieten Innovationen und die internationale Expansion von Uriage zusätzliches Potenzial.
Neben dem Umsatzwachstum erwartet Adamski auch steigende Margen. Die EBITDA-Marge soll von 20,7 % im Jahr 2025 auf 21,3 % im Jahr 2030 zulegen. Dazu beitragen sollen Skaleneffekte bei den Vertriebs- und Verwaltungskosten sowie eine nachlassende Intensität bei Werbung und Verkaufsförderung.
Gleichzeitig bietet die niedrige Verschuldung Spielraum für selektive Übernahmen. Goldman Sachs sieht Möglichkeiten für Zukäufe von bis zu 1,5 Mrd. EUR, ohne die von Puig gesetzte Verschuldungsgrenze von 2,0x zu überschreiten.
KGV von unter 14 eröffnet Neubewertungschance
Besonders attraktiv erscheint Goldman Sachs die Bewertung. Puig wird mit weniger als dem 14-fachen der für 2027 erwarteten Gewinne gehandelt, während vergleichbare Unternehmen auf KGVs von 17 bis 27 kommen. Adamski erwartet bis 2030 ein durchschnittliches Wachstum beim Ergebnis je Aktie von 8 % und sieht deshalb Spielraum, den Bewertungsabschlag zu verringern.
Seine mittelfristige Umsatzwachstumsprognose von 5,5 % liegt über dem Konsens von 4,7 %. Daraus resultieren für 2026 bis 2028 Gewinnschätzungen, die 1 % bis 4 % über den Markterwartungen liegen.
Das Zwölfmonatskursziel liegt bei 21,50 EUR. Auf Basis des aktuellen Kurses von 16,88 EUR errechnet sich ein Kurspotenzial von rund 27 %. Goldman Sachs leitet das Kursziel zu gleichen Teilen aus einem abgezinsten Cashflow-Modell und einer Multiplikatorbewertung ab.
Katalysatoren und Risiken
Die nächsten wichtigen Termine sind die Quartalszahlen und der Kapitalmarkttag am 28. Oktober. Goldman Sachs erwartet, dass der Hochlauf neuer Produkte das Duftwachstum im dritten Quartal beschleunigt. Auf dem Kapitalmarkttag soll Puig seine mittelfristige Innovationspipeline sowie aktualisierte Wachstums- und Margenziele vorstellen.
Auf der Risikoseite stehen eine schwankende Duftnachfrage in einem konjunkturellen Abschwung, der intensive Wettbewerb, die Abhängigkeit von einigen großen Marken, mögliche höhere Marketingkosten bei Nischendüften sowie Integrationsrisiken bei Übernahmen. Hinzu kommen die Risiken einer langsamen und teuren Expansion in China und Asien, Währungsschwankungen und Zölle.
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