Wohin geht die Reise an den Aktienmärkten nach der 20%igen Rallye im S&P 500?

Marius Müllerhoff ist als freier Redakteur beschäftigt. Artikel von freien Redakteuren stellen deren eigene Meinung dar und müssen mit der von aktien nicht korrespondieren.

Der S&P 500 hat eine beeindruckende Rallye seit den Tiefs von Mitte Juni hingelegt. Der Index konnte um knapp 20% zulegen und ist nun an seinem 200 Tage Durchschnitt angekommen. Dieser gleitende Durchschnitt stellt eine wichtige Marke da. Denn es gibt etliche Investoren die erst investieren dürfen, wenn sich der Index oberhalb des 200 Tage Durchschnitts befindet. Kann er diesen Durchschnitt nach oben durchbrechen oder wird er nach unten abprallen? Die nächsten Wochen und Monate werden es uns zeigen.
Üblicherweise ist die Sommerzeit eine ruhige Phase. Daher ist die genannte Rallye mit Vorsicht zu genießen. Außerdem war das Handelsvolumen während der Rallye relativ gering. Spannender wird es nach dem "Labor Day" (05.09.2022). Denn dann werden die meisten Fondmanager der großen Institutionen aus ihrem Urlaub zurück sein. Insbesondere der Monat Oktober ist von historischer Signifikanz. So hat es in der Vergangenheit im Oktober schon öfters einen Schub nach unten gegeben, u.a. in 2008 und 2018.

S&P 500

Der S&P 500 steht aktuell bei 4228 Punkten. Auf Tagessicht hat der er den 200 Tage Durchschnitt in diesem Jahr zum zweiten Mal berührt oder sogar kurz nach oben durchbrochen, nur um anschließend wieder darunter zu fallen. Dies ist eher bärisch einzustufen. Außerdem hat die Geschichte gezeigt, dass es in Bärenmärkten oftmals eine dritte Abverkaufswelle gibt (siehe folgende Abbildung). Solch eine dritte Abverkaufswelle könnte bedeuten, dass der Index bis auf ca. 3390 fällt. Dieses Niveau entspricht auch gleichzeitig dem Hoch kurz vor der Coronapandemie. Somit hätte der Index vom aktuellen Niveau Luft für eine Korrektur in Höhe von -20%.

Quelle: desk.traderfox.com

Wenn man sich den Index im Wochenchart anschaut (siehe folgende Abbildung), dann kann man erkennen, dass ein Pullback zum 200 Wochen Durchschnitt oder sogar ein Durchbrechen des 200 Wochen Durchschnitts in den letzten Jahren nichts Unübliches war. In 2016 und 2018 wurde der 200 Wochendurchschnitt berührt. In 2020 ging es sogar unter den 200 Wochen Durchschnitt. Somit könnte der S&P bis ca. 3550 nachgeben. Dies würde einem Rückgang von -16,5% vom aktuellen Niveau entsprechen.

Quelle: desk.traderfox.com

Auch könnte der 20%ige Anstieg seit Juni lediglich einer massiven Bärenmarktrallye entsprechen. Wenn man sich die Historie anschaut, dann wäre eine 20%ige Bärenmarktrallye nichts Ungewöhnliches. Während des Bärenmarktes von 2000 bis 2003 hat es davon etliche gegeben. Im Frühjahr 2001 hat der S&P 500 um 22% zugelegt, bevor es zur nächsten Abverkaufswelle kam (siehe folgende Abbildung). Es folgte eine weitere Bärenmarktrallye von 24,5% im Herbst 2001. Die letzte Rallye des damaligen Bärenmarktes fand im Herbst 2002 statt. Hier ging es um 24% nach oben. Erst im Frühjahr 2003 konnten die Märkte schließlich einen neuen Bullenmarkt einläuten. Es könnte uns also aktuell noch ein längerer Bärenmarkt bevorstehen.

Quelle: desk.traderfox.com

Letztlich könnten die Märkte auf den aktuellen Niveaus eine Zeit lang seitwärts konsolidieren. Dies gäbe den gleitenden 20 Tage und 50 Tage Durchschnitten genügend Zeit, den aktuell relativ großen Abstand zum Index zu reduzieren. Auch könnten so neue Leader-Aktien schöne technische Setups bilden. Dann könnte es zum nachhaltigen Durchbrechen des 200 Tage Durchschnitt kommen. Damit würde wohl der nächste Bullenmarkt beginnen.

Psychologische Indikatoren

Zusätzlich zur Charttechnik und der fundamentalen Analyse ist es sinnvoll, einen Blick auf psychologische Indikatoren zu werfen. Hierbei handelt es sich um sekundäre Indikatoren, die das Sentiment des Marktes zum Ausdruck, d. h. sind die Marktteilnehmer bullisch, neutral oder bärisch eingestellt.
Der "Fear and Greed Index" (Angst und Gier Index) ist einer dieser psychologischen Indikatoren. Er wird von CNN Business erhoben und ist vermutlich einer der bekanntesten. Er rangiert zwischen den Werten 0 und 100, wobei 0 für extreme Angst steht und 100 für extreme Gier. Dieser Indikator wird aus sieben Sub-Indikatoren ermittelt. Hierunter fallen u. a. neue 52 Wochenhochs vs neue 52 Wochentiefs, Marktvolatilität und Put/Call Ratio.

Quelle: https://edition.cnn.com/markets/fear-and-greed

Aktuelle befindet sich der Index bei 51 und somit in einer neutralen Zone (siehe obige Abbildung). Am vergangenen Donnerstag lag er knapp im "Greed"-Bereich (also im "Gier"-Bereich). Das steht dafür, dass die Märkte leicht überkauft sein könnten. Als ich vor drei Monaten einen Artikel zu den psychologischen Indikatoren verfasst (Link: https://aktien-mag.de/blog/strategien/was-sagen-die-psychologischen-indikatoren-zur-aktuellen-lage-am-us-aktienmarkt/p-77431 ), da stand der Index bei 11. Ein weiterer wichtiger psychologische Indikator ist der Vix bzw. die Marktvolatilität. Vereinfacht ausgedrückt besagt dieser: Je höher der Vix, desto stärker die Tendenz eines Abverkaufs. Werte über 40 stehen für hohe Volatilität und damit für viel Pessimismus im Markt. So lag der Vix im Coronacrash bei knapp 90. Aktuell belauft sich der Vix auf 20 (siehe folgende Abbildung).

Quelle: www.bigcharts.com

Ein dritter psychologischer Indikator ist der IBD Bull vs Bear Indikator (siehe folgende Abbildung). Dieser wird einmal pro Woche erhoben und spiegelt eine Umfrage unter Newsletter-Autoren wider. Wenn der Prozentsatz der Bären den der Bullen überschreitet, ist ein Markttief wahrscheinlicher. Aktuell haben die Bullen die Oberhand (45% Bullen vs 27,50% Bären). Man kann in der Abbildung gut erkennen, dass seit März 2022 manchmal die Bullen und manchmal die Bären die Oberhand gehabt haben.

Quelle: www.research.investors.com

Ein Blick auf die Aktienmärkte weiterer Länder

Wenn ich einen Blick auf die Performance von anderen Aktienmärkten werfe, dann schaue ich nach relativer Stärke zum S&P 500 und Top-Stories. Im konkreten Fall suche ich nach Länder ETFs, die sich bereits über ihren jeweiligen 200 Tage Durchschnitten befinden, während der S&P 500 noch darunter befindet, wie oben geschrieben. Außerdem suche ich nach möglichen Katalysatoren (Top-Stories) für das jeweilige Land.

Hier stechen für mich vor allem zwei Länder hervor. Zuerst ist Indonesien zu nennen. Das Tickersymbol für den Indonesien-ETF lautet EIDO. Was macht Indonesien so spannend? Mit 280 Mio. Menschen ist Indonesien die viertbevölkerungsreichste Nation der Welt. Das Bevölkerungswachstum liegt bei gut 1,1%. Knapp 26% der Bevölkerung ist 14 Jahre oder jünger (zum Vergleich: in Deutschland sind es ca. 11%). Aus geographischen Gesichtspunkten hat das Land eine strategisch sehr wichtige Lage (Straße von Malakka und im weiteren Sinne das Südchinesische Meer). Letztlich ist Indonesien ein wichtiger Rohstofflieferant für die Welt. Es ist einer der global größten Produzenten von Gold, Kupfer, Nickel, Thermalkohle und Zinn. Indonesien liefert 20% des weltweiten Angebots an Nickel und ist damit der weltweit größte Nickelproduzent. Nickel ist ein wichtiges Metall, das gebraucht wird, um Stahl zu härten und vor Korrosion zu schützen. Neben Lithium schätzen Experten, dass bei Nickel der größte Engpass in der Batterieherstellung für Elektroautos besteht. Das Land ist zudem für 10% des globalen Angebots an Bauxit verantwortlich. Bauxit ist ein wichtiger Rohstoff für die Aluminiumherstellung dient.

Ein zweites Land für die Watchlist ist Katar (Tickersymbol des ETFs: QAT). Das Land, welche im Persischen Golf liegt, ist nicht nur der Gastgeberland der Fußball WM 2022. Katar sitzt auch auf wichtigen Rohstoffen. Hierzu gehören vor allem Öl und Gas. Mit 12,5% hat es nach Russland und dem Iran die weltweit größten Erdgasreserven. Knapp zwei Drittel des Bruttoinlandsprodukts werden heute mit Gas und Erdöl erwirtschaftet. Im Rahmen des Russland/Ukraine Krieges könnte dem Land eine neue strategische Rolle zu kommen. So wird das Land mit seinen Gasvorkommen immer interessanter für westliche Nationen. Zusätzlich stellen die Düngemittelindustrie sowie die Petrochemie wichtige Industrien des Landes dar, welche nun im Rahmen der neuen geopolitischen Situation zunehmende Relevanz einnehmen sollten. Außerdem verfügt Katar über abbauwürdige Gips-, Kalkstein-, Kies-, und Tonvorkommen.


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