Trotz Korrekturangst: BofA sieht Chip-Branche vor Jahrhundert-Wachstumsschub – 7 Aktien mit hohem Kurspotenzial
Die Halbleiterbranche erlebte jüngst einen Dämpfer: Anleger stellen die Dauerhaftigkeit des KI-Booms infrage. Die Bank of America hält in einer aktuellen Branchenstudie dagegen mit der Prognose, dass sich der Weltmarkt für Chips bis 2030 nahezu verdoppeln soll. Gleich sieben Aktien stuft die US-Bank als "Top Picks" mit hohen Kurszielen ein.
Der Boom bei Künstlicher Intelligenz (KI) hat die Aktien von Chipherstellern und Zulieferern der Halbleiterindustrie in den vergangenen Jahren mit zu den stärksten Kursgewinnern an der Börse gemacht. Zuletzt ist allerdings Sand ins Getriebe geraten: Der Philadelphia Semiconductor Index (SOX), das branchenübliche Barometer für US-Halbleiterwerte, hat sich nach einer lockeren Verdoppelung von Ende 2025 bis zum 22. Juni anschließend bis Ende Juli um fast 28 % von seinem Hoch entfernt. Investoren fragten sich, ob die milliardenschweren Investitionen der Tech-Konzerne in Rechenzentren und KI-Chips wirklich so nachhaltig sind, wie es die Kurse der vergangenen Jahre suggeriert haben.
Jüngst hat sich die Stimmungslage zwar wieder etwas verbessert, anders als der Nasdaq 100 oder der Nasdaq Composite Index notiert der SOX aber noch klar entfernt von seiner bisherigen Bestmarke. Die Bank of America (BofA) widerspricht dieser Skepsis aber schon länger deutlich. In einer Branchenstudie vom 14.09. hat die US-Bank die Prognosen sogar kräftig nach oben geschraubt. Demnach soll sich der weltweite Umsatz mit Halbleitern von aktuell 1,7 Billionen USD bis zum Jahr 2030 auf 3,2 Billionen USD nahezu verdoppeln. Zum Vergleich: Für den Sprung von null auf die erste Billion USD Umsatz hatte die Branche 50 Jahre gebraucht. Die nächste Verdopplung soll nun in nur vier Jahren gelingen.
Warum BofA die Prognosen erhöht
Bisher waren die Analysten von einem Wachstum des weltweiten Chip-Marktes von 14 % pro Jahr zwischen 2026 und 2030 ausgegangen, verbunden mit einem Zielumsatz von 2,7 Billionen USD. Beide Werte werden nun angehoben: Die durchschnittliche jährliche Wachstumsrate steigt auf 18 %.

Zwei Treiber stehen laut BofA hinter der Anhebung: zum einen ein deutlich strafferer Speicherchip-Markt (Chips vom Typ DRAM und NAND, die in praktisch jedem Computer, Smartphone und Server stecken), zum anderen eine bessere Verfassung des klassischen Industrie- und Automobilgeschäfts, das sich zuletzt von einer längeren Schwächephase erholt.
Speicherchips als überraschender Wachstumsmotor
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Speicherchips. Für 2026 rechnet BofA hier mit einem Umsatzsprung von rund 327 % gegenüber dem Vorjahr – ausgelöst durch Lieferengpässe und massiv steigende Preise, vor allem bei DRAM-Chips (Arbeitsspeicher) und bei sogenanntem HBM (High-Bandwidth Memory, ein spezieller, besonders schneller Speichertyp, der für KI-Beschleuniger wie die Grafikchips von Nvidia benötigt wird). Bis 2030 soll der Speichermarkt von heute rund 937 Mrd. auf 1,85 Billionen USD wachsen, ein jährliches Plus von 19 %.
Das "klassische" Chip-Geschäft ohne Speicher – Prozessoren, Logikchips, Analog-Halbleiter und Co. – legt mit einer erwarteten Jahresrate von 16 % zwar etwas langsamer zu, wächst nach der Revision aber ebenfalls deutlich stärker als bisher angenommen (zuvor 11 %). Nach Endmärkten sortiert, erwartet BofA für 2026 unter anderem: Rechenzentren und Server plus 50 %, Industrie plus 32 %, Datenübertragungstechnik ("Wired Communications") plus 29 % – während Smartphones (minus 8 %) und klassische Unterhaltungselektronik (minus 7 %) weiter schwächeln.
Rechenzentren und KI: Noch immer keine Anzeichen einer Abkühlung
Der wichtigste Baustein der BofA-These bleibt der Ausbau der KI-Infrastruktur. Trotz wachsender Sorgen vor einer möglichen Investitionspause bei KI-Rechenzentren sehen die Analysten hierfür bislang keine Belege: Bestellungen, langfristige Lieferverträge (LTAs) und Kapazitätszusagen der großen Cloud-Konzerne bleiben nach ihren Angaben unvermindert hoch.
Auch die Preise geben ein stabiles Bild: Die Mietpreise für den KI-Rechenchip B200 von Nvidia lagen zuletzt bei 5,72 USD pro Stunde – und damit nur knapp unter dem Rekordniveau von rund 6,10 USD im März. Wenn die Nachfrage nach Rechenleistung nachlassen würde, müssten eigentlich auch die Mietpreise für diese Chips fallen. Genau das ist bislang nicht der Fall.
Auch Gespräche mit dem Investor-Relations-Team von AMD hätten laut BofA keine Anzeichen für eine Verlangsamung bei Kunden ergeben. Nach Einschätzung der Analysten ist 2027 branchenweit bei Computerchips, Netzwerktechnik und Speicherchips bereits weitgehend ausgebucht, und auch 2028 dürfte angesichts der Nachfrage nach Prozessoren, spezialisierten KI-Chips und neuer Verbindungstechnik ("Optik") eng bleiben.
Der unsichtbare Wachstumstreiber: Investitionen in neue Chipfabriken
Ein Kapitel, das in der öffentlichen Diskussion oft untergeht, aber für die gesamte Zulieferkette entscheidend ist, betrifft die sogenannten WFE-Ausgaben (Wafer Fab Equipment – also die Ausrüstung, die Chiphersteller für den Bau und Betrieb ihrer Fabriken benötigen: Maschinen für Belichtung, Ätzung, Beschichtung und so weiter).
Auch hier schraubt BofA kräftig nach oben: Für 2026 werden nun 156 Mrd. USD erwartet (zuvor 144 Mrd.), für 2027 rund 210 Mrd. USD. Bis 2030 soll der Markt auf 360 Mrd. USD wachsen – zuvor waren es "nur" 300 Mrd. USD.

Der Löwenanteil der Aufwärtsrevision stammt aus dem Speicherbereich: Allein die DRAM-Investitionen wurden für 2026 um 15 % auf gut 45 Mrd. USD angehoben. Für Anleger interessant ist zudem ein Detail, das BofA besonders betont: Die sogenannte "WFE-Intensität" – also der Anteil der Fabrikinvestitionen am Branchenumsatz – sinkt zwar auf historisch niedrige Werte von rund 11 %.
Das liegt nach Einschätzung der Analysten aber vor allem daran, dass die Umsätze derzeit stark durch steigende Speicherpreise (und nicht durch mehr verkaufte Stückzahlen) getrieben werden. Die tatsächlich benötigte Ausrüstung pro produziertem Wafer (die runde Siliziumscheibe, aus der Chips gefertigt werden) steigt hingegen strukturell weiter an – ein Signal dafür, dass die Investitionsdynamik nach Einschätzung von BofA real und nicht nur ein Buchhaltungseffekt ist.
Ein weiterer Trend: Modernste Fertigungstechnik, insbesondere EUV-Lithografie (Extreme-Ultraviolett-Belichtung – das derzeit fortschrittlichste Verfahren, um besonders kleine Strukturen auf einen Chip zu bringen), soll mit 28 % pro Jahr schneller wachsen als der Rest der Branche.
Gleichzeitig verliert China als Investitionsstandort in der Betrachtung von BofA relativ an Gewicht: Der Anteil chinesischer Investitionen am weltweiten WFE-Markt soll von rund 29 % im laufenden Jahr auf etwa 20 % im Jahr 2030 zurückgehen, während der Rest der Welt schneller wächst.
Bewertung laut BofA nicht überteuert
Am Markt gibt es auch viele Diskussionen darüber, wie es mit den Bewertungen im Halbleitersektor aussieht. Aus Sicht der zitierten US-Bank ist die Bewertung nicht überteuert. Die Analysten verweisen in der besprochenen Studie darauf, dass der SOX-Index mit dem 18-Fachen des für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinns (KGV) bewertet ist – günstiger als der marktbreite S&P 500 mit dem 19-Fachen.
Gleichzeitig wächst der Gewinn je Aktie der Halbleiterbranche mit voraussichtlich 139 % im Jahresvergleich rund siebenmal so schnell wie im breiten Markt. Für ein deutlich höheres Gewinnwachstum zahlen Anleger derzeit also sogar einen etwas niedrigeren Bewertungsaufschlag als beim Gesamtmarkt.
Trotzdem bleibt BofA kurzfristig vorsichtig, bis die im November anstehenden US-Zwischenwahlen vorüber sind und sich die gesamtwirtschaftlichen Sorgen etwas legen. Für die mittlere und lange Frist überwiegt aber klar der Optimismus. Als besonders widerstandsfähig stufen die Analysten Aktien aus den Bereichen Computerchips (NVIDIA, AMD), Netzwerktechnik (Marvell) und Analogchips (Analog Devices, Onsemi) ein. Sollte sich die Stimmung am Gesamtmarkt wieder aufhellen, sehen sie zusätzliches Potenzial bei Micron, Lam Research, Applied Materials und Intel.
Die Favoriten der Bank of America im Überblick
Konkret bezeichnet BofA sieben Aktien als "Top Picks": NVIDIA, AMD, Marvell, Analog Devices, Onsemi, Lam Research und Applied Materials. Auch Micron und Intel könnten wieder anziehen, falls die Marktdynamik zurückkehren sollte. Diese beiden Werte sind also keine offiziellen Top Picks, tauchen aber ebenfalls mit eigenem Kursziel und eigener Kurszielbegründung in der Studie auf.
Wichtig für die Einordnung der folgenden Tabelle: Die Spalte "Kurs (Freitag)" zeigt den zuletzt verfügbaren Schlusskurs, nicht den in der Studie selbst hinterlegten Referenzkurs vom 14. September 2026 – die beiden Werte weichen zum Teil bereits spürbar voneinander ab. Das rechnerische Kurspotenzial ist entsprechend nur eine Momentaufnahme und sollte vor einer Anlageentscheidung anhand der dann aktuellen Notierung neu berechnet werden.

Nvidia (ISIN US67066G1040) – Top Pick
Kursziel 350 USD, abgeleitet aus dem 22-Fachen des für 2027 erwarteten Gewinns je Aktie (ohne Netto-Cash-Bestand gerechnet) – das liegt innerhalb der historischen Bewertungsspanne von Nvidia von 15 bis 56. Chance: anhaltend führende Marktstellung bei KI-Chips und Netzwerktechnik. Risiko: Konkurrenz durch eigene Chipentwicklungen großer Cloud-Konzerne, mögliche schärfere US-Exportbeschränkungen gegenüber China sowie ein schwächelndes Gaming-Geschäft.
AMD (ISIN US0079031078) – Top Pick
Kursziel 620 USD, auf Basis des 27-Fachen des für 2028 erwarteten bereinigten Gewinns. Chance: Marktanteilsgewinne bei Prozessoren für PC und Server sowie beim KI-Beschleuniger-Geschäft mit einer erwarteten Gewinnwachstumsrate von über 50 % pro Jahr. Risiko: Verzögerungen beim neuen KI-Chip der MI400-Serie sowie eine hohe Abhängigkeit von einem einzigen externen Auftragsfertiger (gemeint ist TSMC).
Marvell (ISIN US5738741041) – Top Pick
Kursziel 365 USD, auf Basis des 33-Fachen des für 2028 erwarteten Gewinns (ohne aktienbasierte Vergütung). Chance: bessere Sichtbarkeit bei großen kundenspezifischen KI-Chip-Projekten (ASICs). Risiko: Verlust wichtiger Aufträge an Konkurrent Broadcom sowie zyklische Schwäche im klassischen Speicher- und Netzwerkgeschäft.
Analog Devices (ISIN US0326541051) – Top Pick
Kursziel 500 USD, auf Basis des 23-Fachen des für 2028 erwarteten Gewinns, ein leichter Aufschlag gegenüber vergleichbaren Analogchip-Herstellern. Chance: überdurchschnittliche Profitabilität und breite Wachstumstreiber über KI, Industrie, Automobil und Kommunikation hinweg. Risiko: Konjunktureinbruch in Industrie und Automobilbranche sowie Abhängigkeit vom chinesischen Automarkt.
Onsemi (ISIN US6821891057) – Top Pick
Kursziel 120 USD, auf Basis des 20-Fachen des für 2028 erwarteten Gewinns. Chance: Erholung bei Gewinn und freiem Cashflow sowie Wachstum bei Siliziumkarbid-Chips (ein Halbleitermaterial, das besonders in Elektroautos zum Einsatz kommt) und Bildsensorik. Risiko: hohe Abhängigkeit von Automobil- und Industriekonjunktur sowie Schwierigkeiten beim Hochfahren einer neuen 300-Millimeter-Fabrik.
Lam Research (ISIN US5128073062) – Top Pick
Kursziel 385 USD, auf Basis des 29-Fachen des für 2028 erwarteten Gewinns. Chance: Technologieführerschaft bei Ätz- und Beschichtungsanlagen sowie steigender Bedarf durch neue Speicherarchitekturen. Risiko: ein langsamerer Investitionszyklus der Kunden sowie Marktanteilsverluste in einzelnen Fertigungsschritten.
Applied Materials (ISIN US0382221051) – Top Pick
Kursziel 650 USD, auf Basis des 27-Fachen des für 2028 erwarteten Gewinns, was im mittleren Bereich der historischen Bewertungsspanne von 10 bis 42 liegt. Chance: überdurchschnittliches Wachstum bei den Investitionen in Chipfabriken 2026/27. Risiko: eine laufende Untersuchung durch US-Behörden, deren finanzielle Auswirkung derzeit nicht beziffert werden kann.
Micron (ISIN US5951121038) – Momentum-Kandidat, kein offizieller Top Pick
Kursziel 1.550 USD. BofA leitet das über eine Summe-der-Einzelteile-Rechnung her: das klassische, zyklische Speichergeschäft mit dem dreifachen des für 2028 erwarteten Buchwerts, das KI-Speichergeschäft rund um HBM-Chips separat mit dem 31-Fachen des erwarteten Gewinns – vergleichbar mit anderen KI-Zulieferern. Chance: anhaltend hohe Speicherpreise in einem möglichen neuen Aufwärtszyklus. Risiko: ein stärkerer Preisrückgang bei Speicherchips als erwartet sowie wachsende Konkurrenz aus China.
Intel (ISIN US4581401001) – Momentum-Kandidat, kein offizieller Top Pick
Kursziel 145 USD, abgeleitet aus dem für 2030 erwarteten Gewinnpotenzial von über sechs USD je Aktie, auf heute abgezinst. Chance: mögliche externe Großaufträge fürs Auftragsfertigungsgeschäft ("Foundry") sowie ein Erfolg der neuen Fertigungstechnologien 18A und 14A. Risiko: schwache Ausbeuten bei diesen neuen Fertigungsverfahren und ein strukturell schwacher PC-Markt, Intels größte Umsatzquelle.
Fazit
Die Kernbotschaft der BofA-Studie lässt sich so zusammenfassen: Während der Markt nach der jüngsten Korrektur an der Nachhaltigkeit des KI-Investitionszyklus zweifelt, sieht die Bank in den harten Zahlen – Auftragsbestand, Preisentwicklung bei Speicherchips und Chip-Mietpreisen, Investitionsplänen der Kunden – bislang keine Bestätigung dieser Sorge. Im Gegenteil: Die Wachstumsprognosen wurden nach oben, nicht nach unten angepasst.
Für Anleger heißt das nicht automatisch "jetzt kaufen" – Kursziele von Analysten sind Einschätzungen, keine Garantien, und sollten immer nur ein Baustein einer eigenen Anlageentscheidung sein. Wer die Branche aber ohnehin auf dem Schirm hat, findet in der Studie einen konkreten Fahrplan samt neun namentlich genannten Aktien – und eine gute Portion Kontra zur vorherrschenden Vorsicht am Markt.
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