Bayers 10-Milliarden-Dollar-Deal: Ein historischer Befreiungsschlag mit Börsen-Kater
Der Befreiungsschlag unter Bill Anderson: Ein Drahtseilakt mit Rückschlägen
Der Leverkusener DAX-Konzern Bayer hat am 17. Februar 2026 einen historischen Schritt unternommen, um das jahrelange juristische Tauziehen um den Unkrautvernichter Roundup™ (Glyphosat) endgültig zu beenden. Mit einem massiven Sammelvergleich versucht Vorstandschef Bill Anderson, die existenziellen Rechtsrisiken aus der Monsanto-Übernahme in kalkulierbare Bahnen zu lenken. Dieser Vorstoß ist der Versuch eines strukturellen Befreiungsschlags, der jedoch – wie die dramatischen Börsenturbulenzen am heutigen Tag zeigen – extrem hart umkämpft bleibt.
Die Architektur des Milliarden-Deals
Das Herzstück der neuen Vereinbarung ist ein Sammelvergleich, der Zahlungen von bis zu 7,25 Mrd. USD über einen Zeitraum von maximal 21 Jahren vorsieht. Um die Liquidität des Konzerns nicht unmittelbar zu sprengen, wurden die jährlichen Auszahlungen gedeckelt und sinken im Zeitverlauf. Zusätzlich plant Bayer weitere 3 Mrd. USD für andere noch offene US-Verfahren ein, wodurch sich das gesamte Risikomanagement-Paket auf über 10 Mrd. USD beläuft.
Finanziert wird dieser Kraftakt kurzfristig durch eine neu gesicherte Kreditlinie in Höhe von 8 Mrd. USD, während eine Kapitalerhöhung vom Management ausdrücklich ausgeschlossen wurde. Die Rechtsrückstellungen steigen drastisch von 7,8 auf 11,8 Mrd. Euro. Da allein im laufenden Jahr 2026 voraussichtlich 5 Mrd. Euro für erste Auszahlungen abfließen werden, rechnet Bayer für dieses Geschäftsjahr fest mit einem negativen freien Cashflow. Die anstehende Bilanz-Pressekonferenz wurde daher auf den 4. März 2026 verschoben.
Katerstimmung an der Börse: Die Gründe für den heutigen Kurssturz
Die Reaktion am Kapitalmarkt war zunächst von enormer Erleichterung geprägt: Am Tag der Ankündigung (17. Februar) schoss die Bayer-Aktie zeitweise um fast 9 Prozent in Richtung der 50-Euro-Marke. Doch diese Euphorie hielt nicht einmal 24 Stunden. Am heutigen Mittwoch (18. Februar) erlebte das Papier einen empfindlichen Kurssturz, der weite Teile der Vortagesgewinne wieder zunichtemachte.
Marktbeobachter und Analysten nennen für diesen schnellen Umschwung primär drei Gründe:
Die Realität des negativen Cashflows: Nach dem ersten Jubel über die "Deckelung" des Risikos richtet sich der Blick der Anleger heute schonungslos auf die Bilanz. Die Tatsache, dass 2026 ein negativer freier Cashflow droht, schreckt langfristige und dividendenorientierte Investoren ab. Die immense Zinslast der neuen 8-Milliarden-Dollar-Kreditlinie wird die Gewinne auf Jahre hinaus belasten.
Wachsende "Opt-out"-Ängste: Aus den USA dringen erste Berichte durch, dass spezialisierte Klägerkanzleien ihren Mandanten aktiv raten, den Vergleich abzulehnen und stattdessen den Weg der individuellen Klage (Opt-out) weiterzugehen. Da die Bayer-Tochter Monsanto sich das Recht vorbehält, den Deal bei zu geringer Beteiligung platzen zu lassen, schätzt der Markt dieses Restrisiko plötzlich wieder deutlich höher ein.
Klassische Gewinnmitnahmen ("Sell on good news"): Viele kurzfristig orientierte Trader hatten genau auf diesen Moment – die finale Vergleichsankündigung – spekuliert. Nachdem die Nachricht auf dem Tisch lag und der Kurs gestern nach oben schnellte, machten sie heute massiv Kasse.
Die Doppelstrategie: Vergleich und Supreme Court
Trotz der heutigen Börsen-Volatilität hält Bayer an seiner zweigleisigen Strategie fest. Während der Sammelvergleich als finanzielles Sicherheitsnetz dienen soll, setzt das Management parallel auf eine fundamentale Klärung durch die US-Justiz. Der US Supreme Court hat im Januar 2026 den wegweisenden Fall Durnell zur Prüfung angenommen. Bayer argumentiert hier, dass US-Bundesrecht und die Zulassung durch die US-Umweltbehörde EPA Vorrang vor einzelstaatlichen Warnpflichten haben müssen. Sollten die Richter im Sinne des Konzerns entscheiden, könnten rund 80 Prozent der verbleibenden Klagen hinfällig werden – ein Szenario, das dem heutigen Pessimismus massiv entgegenwirken würde.
Fazit: Das Ende einer Ära der Unsicherheit?
Für Bayer markiert dieser Februar 2026 das Ende der defensiven Haltung. Der Konzern geht aktiv in die finanzielle Vorleistung, um das "Monsanto-Trauma" zu beenden. Doch der heutige Kurssturz ist ein unmissverständlicher Weckruf: Die bloße Ankündigung eines Vergleichs reicht nicht aus, um das Vertrauen des Marktes nachhaltig zu sichern. Das Jahr 2026 bleibt ein hochgradig anspruchsvoller Drahtseilakt zwischen enormer finanzieller Belastung und der lang ersehnten juristischen Befreiung.

Diese Infografik visualisiert Bayers riskanten Drahtseilakt: Ein 10-Milliarden-Dollar-Paket soll das Monsanto-Trauma beenden, während drohende Cashflow-Belastungen und juristische Restrisiken parallel für eine Achterbahnfahrt an der Börse sorgen.
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