Bitcoin: Politische Ernüchterung und ETF-Abflüsse testen die 60.000-USD-Marke!
Die Volatilität ist mit voller Wucht an die Kryptomärkte zurückgekehrt und setzt die Leitwährung Bitcoin massiv unter Druck. In der Nacht zum Freitag rutschte die Notierung zeitweise unter die psychologisch wichtige Marke von 61.000 USD und markierte bei rund 60.074 USD den tiefsten Stand seit Ende Oktober 2024. Heute steigt der Bitcoin jedoch wieder: Im frühen europäischen Handel erholte sich der Kurs auf rund 65.000 USD, was einem Plus mehr als 4 % gegenüber dem Tiefstwert aus der Nacht entspricht. Das charttechnische Bild bleibt trotz dieser aktuellen Gegenbewegung angeschlagen. Mit einem Minus von inzwischen 50 % gegenüber dem Rekordhoch von etwa 126.000 USD hat der Bitcoin sämtliche Gewinne seit dem Wahlsieg Donald Trumps wieder abgegeben. Marktbeobachter erblicken darin mehr als eine Korrektur: "Wir sehen nach wie vor keinen klassischen Crash, sondern einen schleichenden Abbau von Bewertung und Risikoappetit", analysiert Timo Emden von Emden Research die Lage. Er warnt eindringlich, dass die "gestaffelte Abwärtsbewegung" die Gefahr berge, dass sich aus der aktuellen Preisschwäche "eine handfeste Vertrauenskrise entwickelt."
Politische Absagen und der Rückzug von Gemini belasten den Markt
Die Gründe für den Stimmungsumschwung sind fundamentaler Natur und treffen den Markt auf breiter Front. Ein wesentlicher Belastungsfaktor ist das Ende der politischen Euphorie in den USA. Die Hoffnung auf eine staatliche Bitcoin-Reserve, die den Kurs im vergangenen Jahr trieb, wurde jäh enttäuscht. US-Finanzminister Scott Bessent erteilte entsprechenden Spekulationen eine klare Absage. Weder sein Ministerium noch das Financial Stability Oversight Council (FSOC) würden Bitcoin kaufen. "Ich habe nicht die Befugnis, dies zu tun, und als Vorsitzender des FSOC habe ich diese Befugnis auch nicht", stellte Bessent unmissverständlich klar. Zwar hatte Präsident Trump mit Paul Atkins einen kryptofreundlichen SEC-Chef installiert und Gesetze für Standards unterzeichnet, doch die direkte staatliche Nachfrage bleibt aus. Parallel dazu verschlechtert sich das unternehmerische Umfeld: Die Kryptobörse Gemini kündigte den kompletten Rückzug aus Europa, Großbritannien und Australien an, was die Aktie des Unternehmens weiter abstrafte. Seit dem Börsengang im September verlor das Papier fast 80 % an Wert.
Massive Abflüsse und hohe Einstiegskurse setzen Anleger unter Zugzwang
Verschärft wird die Abwärtsdynamik durch eine Trendwende bei den institutionellen Investoren. Die Spot-ETFs, die im Zeitraum von November 2024 bis Oktober des Vorjahres noch Zuflüsse von knapp 3,7 Mrd. USD verzeichneten und den Kurs um fast 90 % nach oben trieben, leiden nun unter Kapitalflucht. Daten von Farside Investors belegen Abflüsse von fast 3 Mrd. USD seit Oktober. Besonders brisant ist das Preisniveau: Laut Berechnungen von Thorn (Galaxy Digital) liegt der durchschnittliche Einstiegskurs der ETF-Anleger bei rund 84.000 USD. Da der aktuelle Kurs deutlich darunter notiert, wächst der Druck auf die Anleger, Verluste zu begrenzen, was den Verkaufsdruck weiter erhöht. Auch die aggressive Strategie von Unternehmen, die den Bitcoin-Kauf über Schulden finanzieren, gerät ins Wanken. Michael Saylors Konzern Strategy, der größte unternehmerische Bitcoin-Halter, weist mittlerweile einen durchschnittlichen Einkaufspreis von 76.000 USD auf. Die Aktie verlor seit dem Hoch im Oktober fast 70 %. Der prominente Investor Michael Burry sieht in diesen hebelbasierten Modellen ein systemisches Risiko und warnt, ein anhaltender Preisverfall könne "eine Todesspirale in Gang setzen, die zu einer massiven Wertvernichtung führt." Seiner Einschätzung nach habe sich Bitcoin als "rein spekulatives Anlageinstrument erwiesen" und biete keinen Inflationsschutz wie Gold.
Die Aussicht auf hohe Zinsen trifft auf extreme Angst im Markt
Erschwerend kommt die geldpolitische Wende hinzu. Die Nominierung des als "Falken" geltenden Kevin Warsh für den Fed-Vorsitz hat die Zinserwartungen und den USD nach oben getrieben, was zinslose Assets wie Bitcoin unattraktiv macht. Dennoch gibt es Stimmen, die im "Extreme Fear"-Modus des Marktes (Angst-und-Gier-Index bei 12 Punkten) eine Chance sehen. Tech-Investorin Cathie Wood äußerte sich optimistisch: "Wir glauben, dass wir das Schlimmste bereits hinter uns haben und die Kurse bald wieder steigen könnten." Auch Johanna Belitz vom Kryptoemittenten Valour führt den Abverkauf primär auf "globale Liquiditätsengpässe und geopolitische Unsicherheiten" zurück, die historisch oft nur von kurzer Dauer waren.
Der Verlust des Status als sicherer Hafen offenbart die Fragilität des Marktes
Der Bitcoin hat seinen Status als politisch geförderter "Safe Haven" vorerst eingebüßt und wird nun als hochriskantes Asset neu bewertet. Die Kombination aus enttäuschter Regulierungshoffnung, steigenden Zinsen und der Auflösung gehebelter Positionen bei Unternehmen wie Strategy offenbart die Fragilität des letzten Bullenmarktes. Sollte die Marke von 60.000 USD nachhaltig unterschritten werden, droht durch die Zwangsliquidierung verschuldeter Akteure eine weitere massive Verkaufswelle.
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