US-Justiz bündelt „Erblindungs“-Klagen gegen Novo Nordisk und Eli Lilly

In den USA entsteht neben der ohnehin schon riesigen GLP-1-Prozesswelle ein zweites Sammelverfahren – diesmal mit dem schwerwiegenden Vorwurf, Abnehm- und Diabetespräparate könnten Sehschäden bis hin zur Erblindung auslösen. Ein zuständiges Gremium der US-Justiz (JPML) hat am Montag, 15. Dezember 2025, entschieden, Dutzende Verfahren zu zentralisieren und vor dem Bundesgericht im Eastern District of Pennsylvania zu bündeln. 

Der Vorwurf: NAION als möglicher Auslöser für Sehverlust

Im Zentrum steht die seltene Sehnerv-Erkrankung NAION (non-arteritic anterior ischemic optic neuropathy), bei der es zu einer Minderdurchblutung am Sehnerv kommen kann. Kläger machen geltend, GLP-1-Agonisten wie Ozempic, Wegovy und Saxenda (Novo Nordisk) sowie Trulicity (Eli Lilly) könnten das Risiko erhöhen und damit teilweisen oder vollständigen Sehverlust verursachen. Nach Angaben aus Gerichtsakten geht es aktuell um rund 30 Klagen auf Bundesebene und mehr als 40 in den Einzelstaaten. 

Parallel läuft das Mega-Verfahren zur Magenlähmung weiter

Das neue "Augen-MDL" läuft getrennt von der bereits bestehenden, deutlich größeren Verfahrenswelle zu schweren Magen-Darm-Schäden bis hin zur Magenlähmung (Gastroparese), die laut Reuters mehr als 3.000 Fälle umfasst – beide Komplexe liegen jedoch in den Händen von Richterin Marston.

Aus den Gerichtsunterlagen geht außerdem hervor, dass das Gericht früh auf einen Kernpunkt zusteuert: die belastbare Diagnostik, also die Frage, wie Gastroparese medizinisch eindeutig nachzuweisen ist. Das dürfte nicht nur den Takt des Verfahrens bestimmen, sondern auch die Auswahl möglicher Pilotfälle ("Bellwether") und damit den späteren Vergleichsdruck.

Rückenwind aus Europa: EMA stuft NAION als "sehr selten" bei Semaglutid ein

Die "Erblindungs"-Thematik hat 2025 zusätzlich an regulatorischer Schärfe gewonnen: Die EMA empfahl im Juni 2025, die Produktinformationen von Semaglutid-Arzneien (u. a. Ozempic/Wegovy/Rybelsus) zu aktualisieren und NAION als "sehr seltene" Nebenwirkung aufzunehmen. 

Unternehmenslinie: Vorwürfe zurückgewiesen, FDA-Rahmen betont

Novo Nordisk und Eli Lilly weisen die Klagevorwürfe zurück. Laut Reuters argumentieren die Unternehmen unter anderem, Risiken seien bekannt und regulatorisch adressiert; außerdem seien Änderungen an Produktdesign bzw. Kennzeichnung nicht beliebig möglich, sondern an den Rahmen der FDA gebunden. 

Gleichzeitig zeigt die US-Fachinformation, also die FDA-Produktkennzeichnung, wie stark das Magen-Darm-Risiko bereits in der Kommunikation verankert ist: In der aktuellen Ozempic-Kennzeichnung wird das Präparat bei schwerer Gastroparese ausdrücklich "nicht empfohlen".


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